Kategorie: Menschen & Geschichten

Menschen, Begegnungen und Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Mal persönlich, mal überraschend, mal nachdenklich – und manchmal einfach zu schön, um sie nicht zu erzählen.

  • Moderne „Prostitution“ – Zwischen Lust, Geld und Menschlichkeit

    Moderne „Prostitution“ – Zwischen Lust, Geld und Menschlichkeit

    Seit 1995 ist St. Pauli mein Zuhause, wenn auch mit ein paar kleineren Unterbrechungen. Und wer so lange in diesem Stadtteil lebt, kommt zwangsläufig auch mit seinem berühmten Rotlichtmilieu in Berührung. Nicht unbedingt als Kunde, sondern manchmal einfach als Nachbar.

    Eine Zeit lang habe ich in der Querstraße gewohnt, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen der Silbersackstraße und dem Hans-Albers-Platz. Dort standen damals zwischen 20 Uhr abends und sechs Uhr morgens die „leichten Mädchen“, wie man früher gern sagte. Wer als Mann über den Platz lief, musste durchaus damit rechnen, angesprochen zu werden. Die Damen waren nicht gerade schüchtern. Da wurde sich schon mal ganz selbstverständlich beim vorbeilaufenden Herrn eingehakt und mit einem freundlichen „Hey, Süßer, hast du Lust auf …?“ das Verkaufsgespräch eröffnet.

    Nun bin ich bekanntlich schwul. Und das nicht erst seit gestern. Schon in meiner Pubertät war mir ziemlich klar, dass ich ausschließlich auf Jungs stehe. Mit einer Frau hatte ich in meinem gesamten Leben noch nie etwas Sexuelles. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Wenn ich also angesprochen wurde, erklärte ich freundlich, dass ich nur auf Männer stehe. Was allerdings nicht bedeutete, dass die Damen sofort aufgaben. Eine besonders schlagfertige Antwort ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Du, ich habe auch Spielzeuge!“

    Und ich gebe zu: Einen kurzen Augenblick habe ich tatsächlich überlegt. Natürlich ausschließlich aus wissenschaftlichem Interesse!

    Mit der Zeit kannten mich einige der Frauen bereits vom Sehen. Wenn dann neue Kolleginnen auf dem Platz auftauchten und ihr Glück bei mir versuchen wollten, kam gelegentlich schon von der Seite der trockene Hinweis: „Brauchst du nicht, wohnt hier, ist schwul!“

    Ich muss heute noch darüber lachen. Natürlich waren die Frauen dort, um Geld zu verdienen, und mir ist durchaus bewusst, dass Sexarbeit ein hartes Geschäft sein kann. Wir haben auch nicht ständig miteinander geplaudert. Dafür hatten sie schließlich anderes zu tun. Aber zwischen diesen alltäglichen Begegnungen gab es eben auch kleine Momente von Humor und Zwischenmenschlichkeit. Man kannte sich, erkannte sich wieder und gehörte irgendwie zum selben Straßenbild.

    Inzwischen hat sich auf St. Pauli einiges verändert. Gerade seit der Corona-Pandemie habe ich den Eindruck, dass deutlich weniger Frauen rund um den Hans-Albers-Platz und die Herbertstraße arbeiten als früher. Gleichzeitig ist erotische Unterhaltung längst auch in der digitalen Welt zu Hause. Und damit wären wir bei einem kleinen Geständnis.

    Ich habe noch nie für Sex bezahlt. Oder etwa doch?

    Klassische Prostitution habe ich nie in Anspruch genommen. Weder bei Frauen noch bei Männern. Das heißt allerdings keineswegs, dass ich grundsätzlich kein Geld für Erotik ausgebe. Ganz im Gegenteil.

    Junger Mann sitzt in einem dunklen Zimmer mit Smartphone und Laptop auf dem Bett. Blaues und rotes Licht beleuchten die Szene.

    Cam4 und OnlyFans gehören durchaus zu den Plattformen, auf denen ich mich gelegentlich herumtreibe. Und ja, dort lasse ich auch schon mal Geld. Manchmal sogar recht großzügig. Über konkrete Beträge möchte ich allerdings lieber schweigen. Ein bisschen Privatsphäre muss schließlich bleiben, und meine persönliche Buchhaltung geht nun wirklich niemanden etwas an.

    Natürlich schaue ich mir dort Männer an, die ich attraktiv finde. Was denn sonst? Ich werde jetzt bestimmt nicht behaupten, dass mich ausschließlich die interessanten Gespräche über internationale Politik oder die aktuelle Wetterlage vor die Webcam locken. Aber tatsächlich geht es mir nicht immer nur um das, was die Männer vor der Kamera veranstalten.

    Ich mag beispielsweise besonders die Darsteller, die offenbar aus ihrem eigenen Zuhause streamen. Ein ganz normales Schlafzimmer, ein Sofa, vielleicht irgendwo ein Wäscheständer im Hintergrund. Das hat für mich einen anderen Reiz als eine perfekt ausgeleuchtete Studiokulisse. Ob es wirklich die eigene Wohnung ist, kann ich natürlich nicht überprüfen. Aber es wirkt persönlicher, weniger inszeniert und irgendwie näher.

    Auf Cam4 kann man Darstellern Trinkgelder geben. Manchmal einfach, weil einem gefällt, was man sieht, manchmal für bestimmte Wünsche aus einem sogenannten Tip-Menü. Und dann gibt es natürlich noch die privaten Chats, bei denen man einen Darsteller für eine gewisse Zeit ganz für sich hat. Die Preise dafür unterscheiden sich teilweise erheblich. Ich habe auch schon einen solchen privaten Chat erlebt, der fast anderthalb Stunden dauerte. Und um es ganz unmissverständlich zu sagen: Das war einfach geil!

    Was mich allerdings manchmal selbst ein wenig amüsiert, ist die Tatsache, dass ich einigen meiner Lieblingsdarsteller sogar Weihnachtsgeschenke gemacht habe. Und nein, wir reden hier nicht von selbst gebackenen Plätzchen oder einem hübschen Kalender mit Hamburger Hafenmotiven.

    Kenneth Wade bekam beispielsweise einen ziemlich großen Dildo. Ein anderer Darsteller durfte sich über einen großen Hush freuen. Die Geschenke wurden anschließend sogar live vor der Kamera ausgepackt, und die Freude darüber war durchaus sehenswert.

    Warum ich das gemacht habe? Ganz einfach: Weil ich den Männern eine Freude bereiten wollte. Ich mochte ihre Auftritte, fand sie sympathisch und wollte ihnen etwas schenken, von dem ich wusste, dass sie es gebrauchen konnten. Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass auch solche Reaktionen Teil der Show sein können. Sicherlich. Aber muss deshalb jede Freude automatisch unecht sein?

    Mit einigen Darstellern habe ich über die Jahre auch außerhalb der jeweiligen Plattform Kontakt gehalten. Teilweise sogar noch lange, nachdem sie mit dem Streamen aufgehört hatten. Einige habe ich später persönlich kennengelernt, beispielsweise rund um den CSD in Köln oder bei einem Besuch in Berlin. Das waren bewusst verabredete Treffen, und bevor jetzt irgendwelche Fantasien entstehen: Nein, wir haben uns nicht zum Sex getroffen. Wir wollten uns einfach kennenlernen.

    Und ich habe mich gefreut, dass die Männer im persönlichen Umgang genauso nett und sympathisch waren, wie ich sie zuvor erlebt hatte.

    Natürlich weiß ich, dass ein freundlicher Cam-Performer nicht automatisch mein bester Freund ist. Er bietet eine Dienstleistung an, und ich bin zunächst einmal Zuschauer beziehungsweise zahlender Kunde. Das ist mir vollkommen bewusst. Aber ich finde es genauso falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass zwischen Menschen, die sich ursprünglich über eine solche Plattform kennengelernt haben, grundsätzlich keine echten Kontakte entstehen können. Schließlich kann man jemanden zunächst als Kunden kennenlernen und ihn später trotzdem als Menschen schätzen.

    Männer, Rollenbilder und ein kuschelbedürftiger Wikinger

    Oberkörperfreier, tätowierter Mann mit kurzem Haar und Bart steht vor schwarzem Hintergrund und blickt nachdenklich zur Seite.

    Eine andere Sache, die ich an erotischen Plattformen interessant finde, sind die unterschiedlichen Seiten, die manche Darsteller von sich zeigen. Da gibt es beispielsweise einen jungen Mann, der auf Instagram ausgesprochen kernig und selbstbewusst wirkt. Ein ziemlich attraktiver Typ, bei dem man sich aufgrund seines Auftretens vielleicht schon ein bestimmtes Bild macht. Auf OnlyFans präsentiert er sich dagegen auch in einer ausgesprochen submissiven Rolle, einschließlich entsprechender erotischer Spielarten und eines Keuschheitskäfigs.

    Und ja, ich finde diesen Gegensatz durchaus reizvoll. Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst immer wieder erlebe, wie schnell Menschen von der äußeren Erscheinung auf sexuelle Vorlieben schließen.

    Mit meinen 2,06 Metern scheine ich bei manchen Männern automatisch als aktiver, dominanter Typ durchzugehen. Dabei bin ich bevorzugt passiv. Überraschung! Wobei man natürlich auch hier unterscheiden sollte: Aktiv und passiv beschreiben nicht dasselbe wie dominant und submissiv. Das wird nur leider gern durcheinandergeworfen.

    Ein großer, kräftiger Mann kann sich beim Sex gern hingeben. Ein kleinerer Mann kann ausgesprochen dominant sein. Und jemand, der in einem Film eine bestimmte Rolle spielt, muss diese privat noch lange nicht bevorzugen. Eigentlich ganz einfach. Trotzdem scheinen solche Vorstellungen erstaunlich hartnäckig zu sein.

    Und dann wäre da noch Ander the Viking.

    Ein Ginger mit Bart, Sommersprossen und Brusthaar. Also genau die Sorte Mann, bei der ich bekanntlich etwas genauer hinschaue. Ein kerniger Naturbursche, der in vielen seiner Filme eher die aktive und dominante Rolle übernimmt.

    Nun habe ich einen Film gesehen, in dem er mit einem anderen, ebenfalls ziemlich behaarten Mann zugange war. Einem richtigen Bärchen. Und ausgerechnet in diesem Pornofilm gab es einen Moment, der mich besonders beeindruckt hat. Nicht etwa eine ausgefallene sexuelle Praktik oder irgendeine akrobatische Höchstleistung, sondern eine ganz einfache Geste.

    Der Wikinger wollte umarmt werden. Und zwar richtig. Er suchte ganz ausdrücklich die Nähe seines Partners, wollte sich an ihn schmiegen und festgehalten werden. Die beiden lagen eng umschlungen auf dem Bett, und ich fand diese Szene tatsächlich erotischer als manches stumpfe Rumgeficke.

    Zwei Männer liegen eng umschlungen und küssen sich auf einem Bett. Einer trägt eine schwarze Kappe, beide halten sich fest im Arm.

    Dabei war das selbstverständlich weiterhin ein Pornofilm. Ich weiß nicht, welche Gefühle die beiden Darsteller abseits der Kamera füreinander haben. Und ich muss das auch gar nicht wissen. Mich hat einfach dieser Moment angesprochen. Der scheinbar so dominante Wikinger, der plötzlich selbst Zärtlichkeit einfordert und sich hingibt.

    Und dann passierte etwas, das bei mir durchaus häufiger vorkommt: Meine Gedanken machten einen ziemlich großen Sprung.

    Ich musste an einen Mann denken, den ich gerade gern näher kennenlernen würde. Ebenfalls so ein attraktiver Naturbursche, wenn auch deutlich kleiner als ich. Und plötzlich stellte ich mir vor, wie schön es wäre, mit ihm eng umschlungen im Bett zu liegen, ihn zu küssen und einfach miteinander zu kuscheln. Dabei muss es nicht einmal gleichzeitig zur Penetration kommen. Manchmal kann eine innige Umarmung ausgesprochen erotisch sein.

    Ja, ich weiß. Andere schauen sich einen Pornofilm an und denken anschließend vielleicht über die Darsteller oder die gezeigten Praktiken nach. Ich lande gedanklich plötzlich bei Zärtlichkeit, Geborgenheit und meinen eigenen Sehnsüchten. Aber so funktioniert mein Kopf nun einmal.

    Zwischen Geschäft und Menschlichkeit

    Wenn ich auf Cam4 oder OnlyFans Geld ausgebe, bezahle ich zunächst einmal für erotische Unterhaltung. Das ist die einfache Antwort, und daran gibt es auch nichts zu beschönigen. Aber manchmal ist es eben nicht ganz so einfach.

    Da ist ein Mann, den ich nicht nur körperlich attraktiv, sondern auch sympathisch finde. Da sind kleine Gespräche, ein gemeinsames Lachen, ein persönlicher Moment oder das Gefühl, jemanden über längere Zeit ein bisschen kennengelernt zu haben. Natürlich gehört Aufmerksamkeit auf solchen Plattformen oft zum Geschäftsmodell. Und ich bin mir durchaus bewusst, dass die gefühlte Nähe auf beiden Seiten sehr unterschiedlich sein kann.

    Aber ich finde, dass man deshalb nicht gleich jede menschliche Regung infrage stellen muss. Ein Darsteller kann sich über ein Geschenk freuen, obwohl er damit sein Geld verdient. Ein Zuschauer kann jemanden sympathisch finden, obwohl er für dessen Inhalte bezahlt. Und manchmal kann aus einem solchen Kontakt sogar eine Bekanntschaft entstehen, die mit der ursprünglichen Plattform irgendwann überhaupt nichts mehr zu tun hat.

    Das bedeutet nicht, dass man die kommerzielle Seite vergessen sollte. Es bedeutet nur, dass Menschen auch innerhalb geschäftlicher Beziehungen Menschen bleiben.

    Eigentlich erinnert mich das sogar ein wenig an die Frauen vom Hans-Albers-Platz. Wir hatten keine Geschäftsbeziehung, aber ihre Arbeit war der Grund, weshalb wir uns überhaupt begegneten. Und trotzdem gab es diese kleinen Momente, in denen es einfach um einen Nachbarn, einen frechen Spruch und ein gemeinsames Schmunzeln ging.

    Vielleicht ist der Titel dieses Artikels etwas provokant. Deshalb stehen die Anführungszeichen auch ganz bewusst dort. Eine Sexarbeiterin, die auf St. Pauli persönliche Dienstleistungen anbietet, macht nicht dasselbe wie ein Mann, der von seinem Schlafzimmer aus erotische Videos produziert oder vor einer Webcam auftritt. Die Arbeitsbedingungen, Risiken und Möglichkeiten unterscheiden sich erheblich.

    Trotzdem gibt es Berührungspunkte. Menschen bieten erotische Leistungen an, andere bezahlen dafür. Und irgendwo zwischen Angebot, Nachfrage, Fantasie und persönlichem Kontakt entsteht manchmal mehr, als sich mit einer simplen Rechnung erklären lässt.

    Ich möchte weder klassische Sexarbeit noch digitale Erotik romantisieren. Ich weiß, dass es ein hartes Geschäft sein kann und dass Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Respekt und faire Bedingungen alles andere als selbstverständlich sind. Aber ich möchte ebenso wenig so tun, als wären die Menschen in dieser Branche bloß austauschbare Körper, die ausschließlich gegen Geld funktionieren.

    Dafür habe ich inzwischen zu viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich habe Geld ausgegeben, gelacht, Geschenke verschickt, interessante Männer kennengelernt und mich manchmal sogar über mich selbst gewundert. Und gelegentlich reicht offenbar schon ein kuschelbedürftiger Wikinger in einem Pornofilm, damit ich anfange, über meine eigenen Wünsche nachzudenken.

    Vielleicht ist das am Ende sogar die eigentliche Geschichte dieses Artikels: Egal, ob auf dem Hans-Albers-Platz oder vor einem Computerbildschirm – hinter den Angeboten stehen Menschen. Und auf der anderen Seite übrigens auch. Mit ihren Fantasien, ihren Eigenheiten, ihrem Humor und manchmal eben auch mit dem ziemlich einfachen Wunsch, von jemandem fest in den Arm genommen zu werden.

  • Patrick Stewart (1940–2026) – Mehr als nur Captain Picard

    Patrick Stewart (1940–2026) – Mehr als nur Captain Picard

    Sir Patrick Stewart ist tot. Der britische Schauspieler starb am 28. Oktober 2026 im Alter von 86 Jahren. Für Millionen Menschen wird er wohl auf ewig Captain Jean-Luc Picard bleiben, jener kultivierte und gelegentlich etwas steife Kommandant der Enterprise, der lieber erst einmal nachdachte, bevor er seine Phaser sprechen ließ. Andere kennen ihn als Professor Charles Xavier aus den X-Men-Filmen oder als großen Shakespeare-Darsteller. Und ich? Nun, ich denke bei Patrick Stewart tatsächlich auch an einen ziemlich extravaganten schwulen Mann namens Sterling.

    Natürlich gehört Captain Picard auch für mich zu den großen Fernsehfiguren. Als Stewart 1987 mit Star Trek: The Next Generation das Kommando über die Enterprise übernahm, waren die Fußstapfen von William Shatners Captain Kirk schließlich gewaltig. Doch statt den draufgängerischen Weltraumhelden zu kopieren, schuf Stewart einen völlig anderen Captain. Picard war gebildet, diplomatisch, manchmal streng und nicht unbedingt der Typ, mit dem man spontan die nächste Kneipentour unternehmen würde. Dafür besaß er etwas, das in der Science-Fiction ebenso wie im wirklichen Leben gelegentlich Mangelware ist: die Fähigkeit zuzuhören, nachzudenken und Konflikte möglichst ohne Gewalt zu lösen. Und ganz nebenbei konnte dieser Mann mit einem einzigen hochgezogenen Augenbrauenbogen mehr ausdrücken als andere mit einem fünfminütigen Monolog.

    Ein Captain auf Abwegen – und zwar ziemlich fabelhaften

    1995 zeigte Patrick Stewart dann eine Seite, die mit dem würdevollen Sternenflotten-Captain zunächst herzlich wenig gemeinsam hatte. In der schwulen Filmkomödie Jeffrey, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Paul Rudnick, spielte er Sterling, einen extravaganten, lebenslustigen und wunderbar theatralischen schwulen Mann. Und was soll ich sagen? Ich fand ihn damals einfach fabelhaft!

    Patrick Stewart als Sterling im Film Jeffrey, mit pinkfarbener Baskenmütze und passendem Oberteil.

    Jeffrey erzählt die Geschichte eines jungen schwulen Mannes, der angesichts der AIDS-Krise beschließt, künftig lieber auf Sex zu verzichten. Dummerweise verliebt er sich ausgerechnet dann in einen Mann, der sein sorgfältig gefasstes Vorhaben gehörig durcheinanderbringt. Was nach einem schweren Drama klingt, ist tatsächlich eine herrlich schräge Mischung aus romantischer Komödie, ernsten Zwischentönen und einer ordentlichen Portion Camp. Gerade diese Mischung machte den Film für mich so besonders.

    Man muss sich dabei auch die Entstehungszeit vor Augen führen. Mitte der 1990er-Jahre war HIV/AIDS für schwule Männer noch immer eine allgegenwärtige Realität, die nicht nur das Sexualleben, sondern auch Beziehungen, Freundschaften und die gesamte Community prägte. Jeffrey nahm diese Ängste ernst, erlaubte sich aber gleichzeitig, laut, bunt, komisch und lebensbejahend zu sein. Patrick Stewarts Sterling passte wunderbar in diese Welt. Er war keine verschämte Nebenfigur, sondern ein Mann, der mit seiner Persönlichkeit und seiner Lebensfreude den Raum ausfüllte. Und dass ausgerechnet Captain Picard in dieser Rolle auftrat, machte die Sache natürlich noch ein bisschen köstlicher.

    Für mich gehört Jeffrey deshalb ganz selbstverständlich zur Erinnerung an Patrick Stewart. Nicht, weil eine schwule Rolle automatisch einen Schauspieler zu einer queeren Ikone macht, sondern weil er sich auf diesen Film und seine besondere Tonlage mit einer Spielfreude eingelassen hat, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

    Zwei Ritter, eine wunderbare Freundschaft

    Und dann wäre da natürlich noch Sir Ian McKellen. Die Freundschaft zwischen den beiden britischen Schauspielern war über viele Jahre hinweg mindestens so unterhaltsam wie ihre gemeinsamen Auftritte vor der Kamera. In den X-Men-Filmen standen sie sich als Professor Xavier und Magneto gegenüber, doch im wirklichen Leben verband sie eine enge Freundschaft, die sie auch öffentlich mit viel Humor und Zuneigung zelebrierten.

    Ian McKellen mit schwarzem Hut und Patrick Stewart mit Brille küssen sich bei einer öffentlichen Veranstaltung auf den Mund.

    Ian McKellen, der seit 1988 offen schwul lebt und sich seit Jahrzehnten für die Rechte queerer Menschen einsetzt, war dabei weit mehr als nur ein berühmter Kollege. Die beiden standen gemeinsam auf Theaterbühnen, scherzten miteinander und machten aus ihrer gegenseitigen Zuneigung nie ein Geheimnis. Als Patrick Stewart 2013 die Sängerin Sunny Ozell heiratete, übernahm ausgerechnet McKellen die Trauungszeremonie. Ich finde, allein diese kleine Geschichte sagt schon eine ganze Menge über die besondere Verbindung der beiden aus.

    Gerade in einer Welt, in der Männerfreundschaften noch immer viel zu häufig mit demonstrativer Distanz und möglichst wenig Gefühl auskommen sollen, fand ich diese beiden immer wunderbar erfrischend. Zwei gestandene, international gefeierte Schauspieler, die sich herzlich umarmen, miteinander herumalbern und überhaupt keinen Grund sehen, ihre Freundschaft hinter irgendeiner Fassade zu verstecken. Auch das ist für mich ein schönes Stück gelebter Selbstverständlichkeit.

    Mehr als eine Uniform

    Natürlich lässt sich eine Karriere wie die von Patrick Stewart nicht auf Captain Picard, Professor Xavier und einen schwulen Sterling reduzieren. Seine Wurzeln lagen auf der Theaterbühne, insbesondere bei Shakespeare, und seine Filmografie umfasst weit mehr als die großen Hollywoodproduktionen, mit denen ihn heute vermutlich die meisten verbinden. Gerade diese Vielseitigkeit machte ihn zu einem Schauspieler, der zwischen Würde und Albernheit, großer Tragödie und herrlicher Komik wechseln konnte, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.

    Mit seinem Tod verliert die Film- und Fernsehwelt einen außergewöhnlichen Darsteller. Die Enterprise verliert ihren Captain, die Mutanten ihren Professor und die Theaterwelt einen ihrer großen britischen Schauspieler. Und die queere Filmgeschichte? Die behält einen wunderbar extravaganten Sterling, der mir auch mehr als dreißig Jahre nach Jeffrey noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

    Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard in rot-schwarzer Sternenflottenuniform auf der Brücke der Enterprise.

    Farewell, Sir Patrick. Danke für die Reisen zu den Sternen – und für die fabelhaften Momente hier auf der Erde.

  • #HOTW –44/2026 – Bladon Moriarty

    #HOTW –44/2026 – Bladon Moriarty

    HOTTIE

    Bladon Moriarty

    Bladon Moriarty posiert in olivgrünem Tanktop und passendem Slip vor einer sonnigen Meereskulisse. Eine Hand liegt in seinen roten Haaren.

    Wie ich auf ihn aufmerksam wurde

    Bladon ist mir erstmals in der rothaarigen Wunderwelt von Red Hot begegnet. Ich bin mir nur nicht mehr sicher, ob es ein Kalender war oder doch eine der Buchveröffentlichungen. Natürlich habe ich auch schnell seinen Instagram-Account abonniert. Und mittlerweile ist er auch Teil meiner „Ginger Wall“.

    Der Mann dahinter

    Bladon Moriarty stammt aus Sydney, Australien, und steht schon seit seinem siebten Lebensjahr auf der Bühne. Nach seiner Tanzausbildung am ED5 International führte ihn seine Karriere durch internationale Musicalproduktionen, auf Kreuzfahrtschiffe und schließlich auch vor die Kamera. Unter anderem modelte er für das legendäre Red Hot 100-Projekt des Fotografen Thomas Knights.

    Heute begeistert Bladon mit seiner Mischung aus Model, Entertainer und selbst ernanntem „Ginger Himbo“ mehr als 50.000 Menschen auf Instagram. Dort präsentiert er nicht nur Unterwäsche und ziemlich knappe Badehosen, sondern vor allem jede Menge Selbstironie, queeren Humor und eine gehörige Portion Frechheit. Dass es weltweit offenbar ein großes Publikum für rothaarige Männer mit wenig Kleidung gibt, kommentiert er selbst augenzwinkernd mit: „Wer hätte das gedacht?“

    Doch hinter dem charmanten Bad Boy steckt auch ein kreativer und ehrgeiziger Kopf. Gemeinsam mit seinem Partner Diogo Barbosa bildet er das Duo Ginger & Spice. Die beiden sind nicht nur auf Instagram, sondern auch mit ihren freizügigeren Inhalten auf OnlyFans aktiv und haben sich dort eine eigene Fangemeinde aufgebaut. Und weil ihnen offenbar selbst das noch nicht reicht, arbeiten sie außerdem an einer eigenen Herrenbademodenmarke.

    Abseits der Kamera liebt Bladon schöne Hotels, gemütliche Cafés, sonnige Strände, Reisen und die Popkultur der frühen 2000er-Jahre. Er schätzt Selbstbewusstsein ohne Arroganz, Glamour ohne Überheblichkeit und Humor, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

    Sein Traum? Ein Leben voller Kreativität, Liebe, Reisen und Unabhängigkeit. Am liebsten irgendwo im Warmen, mit möglichst wenig Kleidung und natürlich bei perfektem Licht.

    Bildergalerie

    Mein Fazit

    Ich finde, Bladon hat diese wunderbare Mischung aus Sweetie und Bad Boy, die mir persönlich ausgesprochen gut gefällt. Dazu kommen sein herrlich trockener Humor, seine Selbstironie und eine ordentliche Portion Charme.

    Besonders sympathisch finde ich, dass er sich die Zeit genommen hat, mir so ausführlich und persönlich von sich zu erzählen. Hinter den sexy Bildern steckt eben noch einiges mehr als ein hübscher Ginger mit beeindruckendem Körper.

    Ich werde Bladon auf jeden Fall weiterhin mit großem Vergnügen auf Instagram verfolgen – und selbstverständlich auch auf dem einen oder anderen „anderen“ Kanal. Man muss schließlich über seine Hotties auf dem Laufenden bleiben. 😉

  • Next Level beim Postcrossing

    Next Level beim Postcrossing

    Da war sie nun, die 350. verschickte Karte bei Postcrossing. Nun, in Wahrheit waren es noch einige mehr, aber manche davon sind einfach irgendwann irgendwo verschollen. Nicht angekommen, nicht registriert, was auch immer. Dieses sind dann die sogenannten „Expired“-Cards.

    Aber nun ist die offiziell 350. Karte angekommen. In diesem Fall ging die Postkarte mit der Postcard-ID DE-17202978 in die Schweiz. Sie war acht Tage unterwegs und hat 703 Kilometer zurückgelegt. Und der Empfänger hatte sich in seinem Profil u.a. Karten vom „kleinen Maulwurf“ gewünscht. Also hat er genau diese auch bekommen.

    Der kleine Maulwurf schaut neugierig aus einem braunen Maulwurfshügel mit gelben Punkten vor einem hellgrünen, gemusterten Hintergrund.

    Er hat sich sowohl über die Karte, als auch über die verwendeten Briefmarken gefreut. In diesem Fall war es eine aus der Sonderedition „Liebe gewinnt“ sowie die beiden Ergänzungsmarken „Flaschenpost“ und die „Tagetes“ aus der früheren Dauerserie „Blumen“. Das zeigt aber auch, mit ein bisschen genauerem Hinschauen – und ein wenig Finn-Unterstützung – kann man anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauben und sie erfreuen.

    Screenshot einer Postcrossing-Ankunftsbestätigung: Eine Postkarte mit dem kleinen Maulwurf erreichte Acclax in der Schweiz nach acht Tagen und 703 Kilometern Reise.

    Genau das ist es, was ich an diesem Hobby so sehr mag. Aber das Beste daran ist: Ich darf ab sofort zeitgleich 16 statt 15 Postkarten unterwegs haben. Das ist für einen Postcrossing-Junkie wie mich schon wieder ein neues Level.

  • #HOTW –43/2026 – Neil Jones

    #HOTW –43/2026 – Neil Jones

    HOTTIE

    Neil Jones

    Neil Jones mit kurzen roten Haaren und rotem Bart, lächelnd vor leuchtend orangefarbenem Hintergrund.

    Wie ich auf ihn aufmerksam wurde

    Eigentlich war ich auf der Suche nach Madonna – und habe dabei einen ziemlich attraktiven Rotschopf entdeckt.

    Anlass war die Icons Week der britischen Tanzshow Strictly Come Dancing, bei der auch Madonna musikalisch gewürdigt wurde. Natürlich musste ich mir das genauer ansehen. Doch während ich mich eigentlich auf die Musik und die Choreografie konzentrieren wollte, blieb mein Blick immer wieder an einem der Tänzer hängen: Neil Jones.

    Rote Haare, ein verschmitztes Lächeln und eine ordentliche Portion Ausstrahlung – mein Ginger-Radar hatte sofort angeschlagen. Und weil ich natürlich wissen wollte, wer dieser Mann ist, wurde aus einem kurzen Blick auf die Madonna-Performance eine kleine Entdeckungsreise.

    So schnell kann es gehen: Eigentlich wegen Madonna eingeschaltet, mit einem neuen Hottie wieder herausgekommen.

    Der Mann dahinter

    Neil Jones wurde am 4. Mai 1982 in Münster geboren und entdeckte schon als Dreijähriger seine Leidenschaft fürs Tanzen. Aus dem Jungen wurde ein international erfolgreicher Profitänzer und Choreograf, der zahlreiche Meistertitel gewann.

    Seit 2016 gehört der rothaarige Brite zum Ensemble der BBC-Show Strictly Come Dancing, wo er regelmäßig mit aufwendigen Choreografien begeistert.

    Auch privat ist Neil inzwischen Familienmensch: Er ist mit Chyna Mills verheiratet, gemeinsam haben sie eine Tochter namens Havana. Auf Instagram zeigt er unter @mr_njonesofficial Einblicke in seinen Tanzalltag und sein Privatleben.

    Bildergalerie

    Mein Fazit

    Manchmal sind es eben die ungeplanten Entdeckungen, die besonders viel Spaß machen. Neil Jones hat mich mit seinen roten Haaren, seinem charmanten Lächeln und seiner Ausstrahlung sofort erwischt.

    Dass hinter diesem hübschen Gesicht auch noch ein erfolgreicher Tänzer mit einer spannenden Lebensgeschichte steckt, macht ihn für mich umso interessanter.

    Und dass er ausgerechnet in Münster geboren wurde? Das war dann noch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen!

    Mein erster Hottie of the Week hätte kaum passender sein können.

  • Movember – Mein Körper, meine Baustellen und ich

    Movember – Mein Körper, meine Baustellen und ich

    Über Schnurrbärte, Männergesundheit, verlorene Selbstverständlichkeiten und die Erkenntnis, dass der eigene Körper manchmal ziemlich eigene Vorstellungen vom Leben entwickelt.

    Es gab Zeiten, da bin ich beim Urbanathlon über Hindernisse geklettert und habe mich beim Tough Mudder durch Schlamm und über anspruchsvolle Strecken gekämpft. Freiwillig wohlgemerkt. Heute überlege ich in manchen Situationen erst einmal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich dabei auf die Fresse fliege. Eine Entwicklung, die ich, um es einmal medizinisch präzise auszudrücken, ziemlich kacke finde. Aber dazu später mehr.

    Der November ist bekanntlich der Monat, in dem sich Männer auf der ganzen Welt einen Schnurrbart wachsen lassen, um auf das Thema Männergesundheit aufmerksam zu machen. Movember nennt sich das Ganze, eine Wortschöpfung aus „Moustache“ und „November“. Was 2003 in Australien als kleine Aktion begann, hat sich zu einer internationalen Bewegung entwickelt, die insbesondere Prostata- und Hodenkrebs sowie die psychische Gesundheit von Männern in den Mittelpunkt stellt. Aber Männergesundheit ist natürlich weit mehr als der obligatorische Besuch beim Urologen.

    Vom Schnurrbart zum Selbstversuch

    Mit dem Movember bin ich schon vor vielen Jahren in Berührung gekommen. Vor rund 13 Jahren haben wir im Community Team meines Arbeitgebers entsprechende Aktionen organisiert. Einmal rückte sogar ein Team von Wilkinson mit einem eigenen Fahrzeug an, um beim sogenannten „Shave Down“ für frisch rasierte Gesichter zu sorgen. Natürlich wurde das Ganze fotografisch festgehalten. Damals standen vor allem der gemeinsame Spaß und das gute Gefühl im Vordergrund, auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen.

    Inzwischen betrachte ich Männergesundheit aus einer etwas anderen Perspektive. Nicht, weil ich plötzlich zum Gesundheitsapostel mutiert wäre. Wer mich kennt, weiß, dass die Wahrscheinlichkeit dafür ungefähr so hoch ist wie die eines freiwilligen Salatabends ohne anschließende Schokolade. Aber mit mittlerweile 59 Jahren und einigen gesundheitlichen Baustellen lässt sich nun einmal nicht mehr ganz so unbeschwert durchs Leben stolpern wie früher. Wobei das mit dem Stolpern inzwischen ohnehin eine heikle Angelegenheit ist.

    Wenn der Körper eigene Pläne macht

    Diabetes mellitus Typ 2 begleitet mich ebenso wie meine beiden Charcot-Füße. Letztere haben mein Leben nachhaltig verändert, und zwar nicht nur in Bezug auf meine Mobilität.

    Eine Zeit lang habe ich direkt am Wandsbek Markt gewohnt. Damals bin ich regelmäßig joggen gegangen, entweder ins Wandsbeker Gehölz oder Richtung Außenalster, einmal um den See und wieder zurück. Da kamen schon mal knapp zehn Kilometer zusammen. Einfach so, weil ich Lust hatte. Laufschuhe anziehen, loslaufen, fertig.

    Heute vermisse ich nicht nur das Laufen selbst, sondern vor allem diese wunderbare Selbstverständlichkeit. Den eigenen Rhythmus finden, Kilometer zurücklegen, den Kopf freibekommen, ohne ständig darüber nachzudenken, ob die Füße mitmachen oder ich möglicherweise stürze. Natürlich kann ich mich weiterhin bewegen. Aber es ist eben nicht mehr dasselbe.

    Und ja, manchmal bin ich neidisch. Auf Männer in meinem Alter, die noch problemlos joggen, Sport treiben oder stundenlang durch die Gegend laufen können. Ich gönne ihnen das durchaus. Aber wenn ich jemanden sehe, der mit knapp 60 seine Laufrunden dreht, denke ich manchmal: Verdammt, das konnte ich doch auch mal! Warum geht das bei mir nicht mehr?

    Manchmal macht mich das wütend, manchmal einfach traurig. Weil ich Dinge verloren habe, die früher ganz selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Natürlich weiß ich, dass Vergleiche wenig bringen und es nichts nützt, ständig der Vergangenheit hinterherzutrauern. Aber dieses Wissen ändert nichts daran, dass mir manches verdammt fehlt.

    Besonders die Angst vor dem Stürzen hat sich irgendwann eingeschlichen und möchte seitdem gelegentlich ungefragt mitreden. Zwischen vernünftiger Vorsicht und dem Gefühl, vom eigenen Körper ausgebremst zu werden, liegt allerdings ein gewaltiger Unterschied. Schließlich bin ich immer noch derselbe Mensch, der früher freiwillig über Hindernisse geklettert ist. Nur dass mein Körper offenbar beschlossen hat, sich nicht mehr an sämtliche Vereinbarungen zu halten.

    Und ich habe auch keine Lust, mir jeden Verlust schönzureden oder zwanghaft etwas Positives darin entdecken zu müssen. Manchmal ist etwas einfach nur scheiße. Punkt.

    Männergesundheit findet auch im Kopf statt

    Solche Veränderungen betreffen nicht nur die körperliche Gesundheit. Sie verändern auch den Blick auf sich selbst. Wie viel Selbstvertrauen bleibt, wenn bestimmte Dinge plötzlich nicht mehr funktionieren? Wie geht man damit um, wenn man Unterstützung braucht oder eigene Grenzen neu kennenlernen muss?

    Vielleicht macht uns dabei dieses hartnäckige Bild vom starken Mann das Leben zusätzlich schwer: immer alles im Griff haben, keine Schwächen zeigen und Probleme gefälligst allein lösen. Dabei macht es weder einen Mann weniger männlich noch einen Menschen weniger wertvoll, wenn er krank wird, Hilfe benötigt oder zugibt, dass es ihm gerade beschissen geht.

    Nicht ohne Grund gehört die psychische Gesundheit zu den zentralen Themen des Movember. Depressionen, Einsamkeit und Suizidprävention sind keine Randthemen. Innerhalb der queeren Community kommen möglicherweise noch weitere Belastungen hinzu: Diskriminierung, gesellschaftliche Erwartungen oder der Druck, bestimmten Schönheits- und Körperidealen entsprechen zu müssen.

    Und während wir uns einerseits gerne als besonders offen und tolerant verstehen, sind wir andererseits manchmal erstaunlich gnadenlos, wenn es um Alter, Aussehen oder körperliche Leistungsfähigkeit geht.

    Und was ist eigentlich mit dem Sex?

    Ja, auch darüber müssen wir reden. Möglichst ohne verlegenes Herumdrucksen oder alberne Umschreibungen. Denn zur Männergesundheit gehört selbstverständlich auch die sexuelle Gesundheit.

    Und damit meine ich nicht nur HIV-Prävention, PrEP oder sexuell übertragbare Infektionen. Über diese Themen wird innerhalb der schwulen Community inzwischen erfreulich offen gesprochen. Aber sobald es um Erektionsprobleme oder andere Veränderungen der eigenen Sexualität geht, scheint bei vielen Männern plötzlich eine unsichtbare Schamgrenze erreicht zu sein.

    Dabei sind Erektionsstörungen nichts Exotisches. Sie können unterschiedliche Ursachen haben. Diabetes beispielsweise kann durch Veränderungen an Blutgefäßen und Nerven die Erektionsfähigkeit beeinträchtigen. Auch Medikamente, hormonelle Veränderungen oder psychische Belastungen können eine Rolle spielen.

    Medizinisch ist das alles gut bekannt. Trotzdem wird männliche Sexualität noch immer viel zu häufig auf eine einzige körperliche Funktion reduziert: Hauptsache, der Schwanz steht.

    Was bedeutet das nun für mich persönlich? Ich empfinde nach wie vor sexuelle Lust, habe Spaß daran, mich selbst zu befriedigen, und komme dabei auch zum Orgasmus. Allerdings wird mein Schwanz nicht mehr richtig steif. Und auch die Menge an Sperma, die ich beim Orgasmus ejakuliere, ist deutlich geringer geworden. Von den teilweise beeindruckenden Mengen in Pornofilmen bin ich mittlerweile ziemlich weit entfernt. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob ausgerechnet Pornos ein sinnvoller Maßstab für ein gesundes Sexualleben sind.

    An meiner Lust ändert das zunächst einmal nichts. Trotzdem macht es etwas mit einem, wenn der Körper auf sexuelle Erregung plötzlich anders reagiert, als man es jahrzehntelang gewohnt war.

    Wie sehr mich das belastet? Unterschiedlich. An manchen Tagen ärgert es mich, und ich vermisse die Zeiten, in denen eine Erektion selbstverständlich war. An anderen Tagen ist mir das ziemlich egal. Ich empfinde Lust, kann einen Orgasmus bekommen und habe Spaß dabei. Warum sollte ich mir das schlechtreden, nur weil mein Körper nicht mehr das vollständige Programm abspult?

    Vielleicht besteht die Herausforderung darin, diese Veränderungen anzunehmen, ohne sie gleich als persönliches Versagen zu betrachten. Das gelingt mir mal besser und mal schlechter. Schließlich bin ich kein wandelnder Ratgeber für positives Denken, sondern ein Mann mit 59 Jahren, einer ziemlich lebendigen Sexualität im Kopf und einem Körper, der gelegentlich andere Vorstellungen davon hat, wie diese auszusehen hat.

    Gerade in der schwulen Szene machen wir es uns damit nicht immer leicht. Einerseits feiern wir sexuelle Freiheit und unterschiedlichste Vorlieben. Andererseits herrscht auf manchen Datingplattformen ein Leistungsdenken, bei dem man meinen könnte, ein Mann müsse jederzeit verfügbar, möglichst perfekt gebaut und selbstverständlich immer einsatzbereit sein.

    Wer körperlich nicht mehr ganz den Erwartungen entspricht, kann schnell das Gefühl bekommen, nicht mehr richtig dazuzugehören. Dabei ist sexuelle Attraktivität doch so viel mehr als ein durchtrainierter Körper oder eine zuverlässig funktionierende Erektion.

    Und dann stellt sich natürlich die Frage, wie man mit solchen Veränderungen umgeht, wenn man einem anderen Mann näherkommt. Wobei sich in meinem Fall zunächst die Frage stellt, wann das überhaupt mal wieder passiert. Bevor ich mir Gedanken darüber machen kann, wie ein potenzieller Bettpartner auf meine körperlichen Einschränkungen reagiert, müsste sich schließlich erst einmal einer finden. Und das gestaltet sich bekanntlich nicht immer ganz einfach. Mit 59 gehört man auf manchen Datingplattformen nicht unbedingt zur bevorzugten Zielgruppe. Zum alten Eisen zähle ich mich deshalb aber noch lange nicht.

    Und um es ganz unverblümt zu sagen: Ja, ich hätte verdammt gerne mal wieder richtig geilen Sex!

    Nicht nur ein bisschen Kuscheln, Händchenhalten und gemeinsam romantisch den Sonnenuntergang betrachten. Wobei ich gegen all das überhaupt nichts einzuwenden hätte. Ich mag Zärtlichkeit, körperliche Nähe und das Gefühl, einen anderen Mann im Arm zu halten oder selbst gehalten zu werden. Aber ich habe eben auch sexuelle Wünsche, Fantasien und Bedürfnisse, die sich nicht einfach in Luft auflösen, nur weil ich inzwischen 59 bin und mein Schwanz nicht mehr zuverlässig steif wird.

    Als müsste man ab einem bestimmten Alter seine sexuellen Wünsche gefälligst gegen eine Wärmflasche und eine Tasse Kamillentee eintauschen. Vielen Dank auch, aber so weit bin ich noch lange nicht.

    Ich möchte weiterhin begehrt werden, andere Männer begehren und meine Sexualität genießen. Und wenn sich daraus neben richtig gutem Sex auch noch Nähe, Vertrautheit und vielleicht sogar ein bisschen mehr entwickelt, hätte ich dagegen ganz sicher nichts einzuwenden.

    Was mich ärgert, ist das Schweigen über solche Veränderungen. Eine Erektionsstörung ist kein persönliches Versagen, sondern zunächst einmal ein gesundheitliches Symptom, das man ärztlich abklären lassen sollte. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten und auch andere Wege, Sexualität lustvoll und erfüllend zu erleben. Sex besteht bekanntlich nicht ausschließlich aus Penetration. Eine Erkenntnis, die gerade unter schwulen Männern eigentlich keine revolutionäre Neuigkeit sein sollte.

    Lust, Leidenschaft und Intimität verschwinden schließlich nicht automatisch, nur weil der Körper an einer bestimmten Stelle nicht mehr so funktioniert wie früher.

    Mein Movember 2026

    In diesem Jahr möchte ich den Movember wieder ganz bewusst aufgreifen. Allerdings nicht nur mit einem Schnurrbart oder einem Beitrag über Männergesundheit, sondern auch mit einer persönlichen sportlichen Herausforderung.

    Zehn Kilometer schwimmen, verteilt auf insgesamt 200 Bahnen im 50-Meter-Becken der Hamburger Alsterschwimmhalle, habe ich mir vorgenommen. Die wegen ihrer markanten Dachkonstruktion liebevoll „Schwimmoper“ genannte Halle ist für mich übrigens kein unbekanntes Terrain. Früher bin ich dort mit Swenni morgens vor der Arbeit regelmäßig schwimmen gegangen. Einfach ein paar Bahnen ziehen und anschließend ins Büro. Damals gehörte das ganz selbstverständlich zu meinem Alltag.

    Nun möchte ich dorthin zurückkehren. Nicht für die gesamten zehn Kilometer an einem Tag, versteht sich. So wahnsinnig bin ich nun auch wieder nicht. Ich möchte wieder etwas aktiver werden und herausfinden, was mein Körper heute überhaupt noch leisten kann.

    Vielleicht kommt dabei die nächste Ernüchterung. Vielleicht steige ich ins Wasser, schwimme meine ersten Bahnen und stelle irgendwann fest: „Ingo, das ist auch nicht mehr so wie früher. Macht das überhaupt noch Sinn?“

    Vielleicht fehlt mir die Kondition, vielleicht macht mein Körper nicht so mit, wie ich es mir vorstelle. Und vielleicht werde ich enttäuscht sein, wenn meine Erwartungen und die Realität wieder einmal zwei ziemlich unterschiedliche Dinge sind.

    Ich möchte mir jedenfalls nicht schon im Voraus einreden, dass alles großartig werden wird, wenn ich nur fest genug daran glaube. So funktioniert das Leben nun einmal nicht. Manche Grenzen lassen sich auch mit noch so viel Motivation nicht einfach überwinden.

    Aber ich möchte zumindest herausfinden, wo sie heute liegen.

    Und wenn ich irgendwann feststellen sollte, dass auch das Schwimmen nicht mehr so funktioniert wie früher, dann wechsle ich eben mit Blümchenbadekappe auf die Rentner-Bahn. Hauptsache, ich habe dabei noch meinen Spaß.

    Und wer weiß, vielleicht lerne ich dort sogar einen netten Mann kennen. Dann hätte sich der ganze Aufwand wenigstens in mehrfacher Hinsicht gelohnt.

  • Wie mein roter Bart in einem Video von Charlie Hides landete

    Wie mein roter Bart in einem Video von Charlie Hides landete

    Manchmal findet man beim Aufräumen alter Festplatten Dinge wieder, bei denen man sofort weiß: Ach ja. Da war ja was.

    In meinem Fall war es ein Foto von mir mit schwarzer Mütze, nacktem Oberkörper, einem ziemlich auffällig rot gefärbten Bart und drei großen roten Buchstaben auf der Brust:

    LUV.

    Und natürlich gibt es dazu eine Geschichte.

    Es war 2012

    Madonna hatte gerade mit „Give Me All Your Luvin’“ die erste Single aus ihrem neuen Album MDNA veröffentlicht. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis der Song auch in der kleinen Welt der Madonna-Parodien ankam.

    Charlie Hides verfolgte ich damals schon eine ganze Weile auf YouTube. Auf seinem Kanal gab es Parodien auf Madonna, Cher, Lady Gaga und diverse andere Damen aus der Popwelt.

    Als Charlie eine Parodie zu „Give Me All Your Luvin’“ plante, gab es einen Aufruf an die Zuschauer: Wir sollten Bilder zum Thema LUV einschicken.

    Nun könnte man in einer solchen Situation einfach ein Blatt Papier nehmen, „LUV“ darauf schreiben, ein Foto machen und fertig.

    Könnte man.

    Mein damaliger Nachbar Attila war allerdings Fotograf.

    Das eröffnete gewisse Möglichkeiten.

    Wenn schon LUV, dann richtig

    Ich meine, die Idee für das Motiv kam von mir. Ganz sicher bin ich mir nach inzwischen vierzehn Jahren allerdings nicht mehr. Möglicherweise gab es damals für die eingesandten Bilder auch noch irgendwelche Vorgaben von Charlie.

    Was ich dagegen ziemlich genau weiß: Es sollte zum Thema passen.

    Also landete ein großes LUV direkt auf meiner Brust. Mit roter, wasserbasierter Farbe.

    Und weil dieselbe Farbe nun ohnehin schon da war und ich einen Bart hatte, bekam der ebenfalls eine Behandlung.

    Rot. Sehr rot.

    Schwarze Mütze dazu, Oberkörper frei, vor die Kamera – und Attila machte daraus ein erstaunlich professionelles Studioporträt.

    Das fertige Bild schickte ich ein.

    Und dann passierte erst einmal:

    Nichts.

    Und plötzlich war ich da

    Ob Charlie mein Foto überhaupt verwenden würde, wusste ich nicht. Eine Nachricht nach dem Motto „Herzlichen Glückwunsch, dein roter Bart hat es geschafft!“ bekam ich jedenfalls nicht.

    Irgendwann erschien die Parodie.

    Also Video an.

    Schauen.

    Und dann:

    Moment mal.

    Da war ich.

    Mit rotem Bart.
    Mit nackter Brust.
    Mit LUV.

    Und nicht einmal irgendwo für einen Sekundenbruchteil so klein im Hintergrund, dass man hinterher darüber diskutieren müsste, ob ich das wirklich gewesen bin.

    Mein Foto war ziemlich unübersehbar neben Charlie im Video zu sehen.

    Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.

    Und da war ich plötzlich: mein LUV-Foto in Charlie Hides’ Madonna-Parodie von 2012.

    Vierzehn Jahre später

    Und jetzt, vierzehn Jahre später, tauchte dieses Foto wieder auf.

    Eigentlich war ich gerade damit beschäftigt, Dateien von einer alten Festplatte zu retten und einigermaßen sinnvoll zu sortieren. Zwischen alten Projekten, Fotos und Dingen, von denen ich längst vergessen hatte, dass ich sie überhaupt noch besitze, lag plötzlich wieder dieses Bild.

    Schwarze Mütze. Roter Bart. LUV.

    Und sofort war die Geschichte wieder da.

    Solche Fundstücke sind vermutlich einer der Gründe, warum es MISTERWORLD überhaupt gibt. Nicht alles, was einem irgendwann einmal passiert ist, ist weltbewegend. Aber manches ist einfach viel zu schön, zu schräg oder zu persönlich, um für immer auf irgendeiner Festplatte zu verschwinden.

    Und manchmal landet man eben unverhofft in einer Madonna-Parodie.

    Auch das kann passieren.

  • Als Hamburg plötzlich ohne Hose U-Bahn fuhr

    Als Hamburg plötzlich ohne Hose U-Bahn fuhr

    Manchmal findet man beim Herumstöbern im Internet Dinge wieder, bei denen man kurz denkt: Ach ja. Das habe ich ja auch mal gemacht.

    In diesem Fall war es ein alter Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015. Darin ging es um Menschen, die mitten im Januar ohne Hose durch Hamburg fuhren.

    Mit der U-Bahn.

    Und ich war nicht etwa zufällig dabei.

    Ich gehörte zu denen, die dazu aufgerufen hatten.

    Eine Idee aus New York

    Der No Pants Subway Ride begann 2002 in New York. Hinter der Aktion steckte die Gruppe Improv Everywhere. Die Idee war ebenso simpel wie absurd: Menschen fahren ganz normal mit der U-Bahn – und entledigen sich irgendwann ihrer Hose.

    Keine Demonstration, keine große Botschaft. Es ging um den absurden Moment und darum, andere Menschen zum Lachen zu bringen.

    Aus der New Yorker Aktion wurde mit den Jahren ein internationales Ereignis mit Teilnehmern in zahlreichen Städten rund um die Welt.

    Und irgendwann auch in Hamburg.

    Ich war damals Mitglied der Hamburger Flashmob-Community. Wir organisierten unterschiedliche Aktionen und waren natürlich immer auf der Suche nach neuen Ideen.

    Menschen dazu zu bringen, mitten im Hamburger Winter ihre Hosen in der U-Bahn auszuziehen?

    Klang passend.

    Im ersten Jahr waren wir noch Anfänger

    Bei unserer ersten Hamburger Ausgabe war der Ablauf noch vergleichsweise einfach. Wir starteten alle an derselben Haltestelle. Was wir allerdings ein wenig unterschätzt hatten: Die Presse hatte ebenfalls Wind von der Sache bekommen. Und mit Presse meine ich nicht ein oder zwei Fotografen, die irgendwo möglichst unauffällig am Bahnsteig herumstanden. Am Treffpunkt erschienen gleich mehrere Fernsehteams, darunter RTL Nord. Die stiegen anschließend sogar mit uns in die U-Bahn und versuchten dort, möglichst „unauffällig“ zu filmen.

    Was mit einem Fernsehteam samt Kameraausrüstung in einer U-Bahn ungefähr so gut funktioniert, wie man es sich gerade vorstellt.

    Immerhin waren sie vorbereitet: Sie hatten sich sogar entsprechende Drehgenehmigungen vom HVV besorgt. Für die Berichterstattung war das natürlich prima. Für das Grundprinzip eines Flashmobs eher weniger.

    Wir mussten an der Choreografie arbeiten

    In den folgenden Jahren wurde die Hamburger Variante deshalb etwas ausgefeilter.

    Es gab einen gemeinsamen Treffpunkt, an dem zunächst erklärt wurde, wie die Aktion ablaufen sollte. Anschließend fuhren einzelne Gruppen voraus und verteilten sich auf die folgenden drei Haltestellen.

    Und ganz wichtig: Alle waren zunächst vollständig angezogen. Die Hose blieb also keineswegs zu Hause. Dann kam die Bahn. Die ersten Teilnehmer stiegen ein. Eine Station später kamen weitere dazu. Dann noch einmal welche. Und erst in der Bahn kam der entscheidende Moment: Hose aus.

    Natürlich blieb die Unterwäsche an. Die Hose verschwand in einer mitgebrachten Tasche oder einem Rucksack. Danach bestand die eigentliche Kunst darin, sich möglichst so zu verhalten, als wäre überhaupt nichts Besonderes passiert. Herumsitzen. Lesen. Aus dem Fenster schauen. Und möglichst nicht den anderen Teilnehmern quer durch den Wagen verschwörerisch zugrinsen. Für die normalen Fahrgäste entwickelte sich die Situation dadurch erst nach und nach. Gerade eben war das noch eine vollkommen gewöhnliche Hamburger U-Bahn.

    Und plötzlich saßen erstaunlich viele Menschen darin, die offenbar völlig unabhängig voneinander beschlossen hatten, an diesem Tag auf Beinkleidung zu verzichten.

    Spätestens beim Umsteigen war dann allerdings nichts mehr unauffällig.

    Die Sache mit der Unterwäsche

    Natürlich gab es Regeln. Lustig durfte die Unterwäsche sein. Ausgefallen auch. Pompös? Sehr gerne. Nur anstößig sollte es nicht werden.

    In einer späteren Veranstaltungsankündigung formulierten wir das sogar ziemlich deutlich: Strings oder „Rüsselslips“ waren ausdrücklich nicht erwünscht. Es sollte schließlich lustig und nicht anstößig sein. Schließlich ging es nicht darum, andere Fahrgäste zu schockieren. Wir wollten sie zum Schmunzeln bringen. Und daran erinnere ich mich tatsächlich noch: an viele amüsierte Gesichter. Dieses kurze Zögern. Der Blick auf die Person gegenüber. Noch ein Blick durch den Wagen. Und irgendwann vermutlich die Erkenntnis: Hier stimmt doch irgendetwas nicht.

    Genau darum ging es.

    Al Fonso fährt U-Bahn

    Bei der Wahl der Unterwäsche durfte man durchaus kreativ werden. Und 2012 hatte ich dafür sogar ein echtes Einzelstück. Frank Bürmann von The Art of Hamburg bemalte eigens für mich eine weiße Unterhose. Das Motiv stammte von Al Fonso, seinem etwas versauten Alter Ego.

    Und das gute Stück blieb im Einsatz: Am 8. Januar 2017 präsentierte ich es auf Instagram erneut mit den Worten: „Heute mal wieder mit Kunst von Al Fonso unterwegs!“

    Sagen wir es so: Unauffällig war die Unterhose nicht.

    Sollte sie aber auch gar nicht sein. Und falls sich jemand fragt, was daraus geworden ist: Ich habe sie immer noch.

    Al Fonso im Einsatz beim No Pants Subway Ride 2017.

    Die Unterhose hatte damit eine längere No-Pants-Subway-Ride-Karriere als so mancher Teilnehmer.

    Und die Presse durfte trotzdem wiederkommen

    Aus den Erfahrungen des ersten Jahres hatten wir gelernt.

    Die Medien waren auch bei späteren Aktionen willkommen. Nur wollten wir vorher wissen, wer kommt und wie die Berichterstattung ablaufen sollte.

    Denn wenn bereits ein Kamerateam im Wagen steht und darauf wartet, dass gleich etwas passiert, ist das Überraschungsmoment naturgemäß überschaubar.

    In unserer Veranstaltungsbeschreibung für 2018 gab es deshalb sogar einen eigenen Hinweis für die Presse. Nach den schlechten Erfahrungen des ersten Jahres baten wir ausdrücklich um vorherige Kontaktaufnahme. Berichterstattung war willkommen – nur sollten Kamerateams nicht wieder die eigentliche Aktion in den U-Bahnen zerstören.

    Treffpunkt war 2018 übrigens der U-Bahnhof St. Pauli am Ausgang Heiligengeistfeld. Vollständig bekleidet, versteht sich.

    Man kann schließlich viel über uns sagen. Aber unorganisiert waren wir nicht.

    Und heute?

    Heute stolpere ich wieder über alte Artikel, Veranstaltungsbeschreibungen und Fotos aus dieser Zeit und denke: Ach ja. Da war ja was.

    Es gab tatsächlich einige Jahre, in denen wir Menschen dazu brachten, sich mitten im Januar in Hamburger U-Bahnen ihrer Hosen zu entledigen.

    Mit Treffpunkt. Mit Ablaufplan. Mit verteilten Einstiegsstationen. Mit Pressekoordination. Mit Drehgenehmigungen. Und gelegentlich mit eigens von Hamburger Künstlern bemalten Unterhosen. Andere Menschen sammeln Briefmarken. Ich habe Flashmobs organisiert.

    Wobei …

    Inzwischen sammle ich auch Briefmarken.

    Aber das ist wieder eine andere Geschichte.