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    Movember – Mein Körper, meine Baustellen und ich

    Über Schnurrbärte, Männergesundheit, verlorene Selbstverständlichkeiten und die Erkenntnis, dass der eigene Körper manchmal ziemlich eigene Vorstellungen vom Leben entwickelt.

    Es gab Zeiten, da bin ich beim Urbanathlon über Hindernisse geklettert und habe mich beim Tough Mudder durch Schlamm und über anspruchsvolle Strecken gekämpft. Freiwillig wohlgemerkt. Heute überlege ich in manchen Situationen erst einmal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich dabei auf die Fresse fliege. Eine Entwicklung, die ich, um es einmal medizinisch präzise auszudrücken, ziemlich kacke finde. Aber dazu später mehr.

    Der November ist bekanntlich der Monat, in dem sich Männer auf der ganzen Welt einen Schnurrbart wachsen lassen, um auf das Thema Männergesundheit aufmerksam zu machen. Movember nennt sich das Ganze, eine Wortschöpfung aus „Moustache“ und „November“. Was 2003 in Australien als kleine Aktion begann, hat sich zu einer internationalen Bewegung entwickelt, die insbesondere Prostata- und Hodenkrebs sowie die psychische Gesundheit von Männern in den Mittelpunkt stellt. Aber Männergesundheit ist natürlich weit mehr als der obligatorische Besuch beim Urologen.

    Vom Schnurrbart zum Selbstversuch

    Mit dem Movember bin ich schon vor vielen Jahren in Berührung gekommen. Vor rund 13 Jahren haben wir im Community Team meines Arbeitgebers entsprechende Aktionen organisiert. Einmal rückte sogar ein Team von Wilkinson mit einem eigenen Fahrzeug an, um beim sogenannten „Shave Down“ für frisch rasierte Gesichter zu sorgen. Natürlich wurde das Ganze fotografisch festgehalten. Damals standen vor allem der gemeinsame Spaß und das gute Gefühl im Vordergrund, auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen.

    Inzwischen betrachte ich Männergesundheit aus einer etwas anderen Perspektive. Nicht, weil ich plötzlich zum Gesundheitsapostel mutiert wäre. Wer mich kennt, weiß, dass die Wahrscheinlichkeit dafür ungefähr so hoch ist wie die eines freiwilligen Salatabends ohne anschließende Schokolade. Aber mit mittlerweile 59 Jahren und einigen gesundheitlichen Baustellen lässt sich nun einmal nicht mehr ganz so unbeschwert durchs Leben stolpern wie früher. Wobei das mit dem Stolpern inzwischen ohnehin eine heikle Angelegenheit ist.

    Wenn der Körper eigene Pläne macht

    Diabetes mellitus Typ 2 begleitet mich ebenso wie meine beiden Charcot-Füße. Letztere haben mein Leben nachhaltig verändert, und zwar nicht nur in Bezug auf meine Mobilität.

    Eine Zeit lang habe ich direkt am Wandsbek Markt gewohnt. Damals bin ich regelmäßig joggen gegangen, entweder ins Wandsbeker Gehölz oder Richtung Außenalster, einmal um den See und wieder zurück. Da kamen schon mal knapp zehn Kilometer zusammen. Einfach so, weil ich Lust hatte. Laufschuhe anziehen, loslaufen, fertig.

    Heute vermisse ich nicht nur das Laufen selbst, sondern vor allem diese wunderbare Selbstverständlichkeit. Den eigenen Rhythmus finden, Kilometer zurücklegen, den Kopf freibekommen, ohne ständig darüber nachzudenken, ob die Füße mitmachen oder ich möglicherweise stürze. Natürlich kann ich mich weiterhin bewegen. Aber es ist eben nicht mehr dasselbe.

    Und ja, manchmal bin ich neidisch. Auf Männer in meinem Alter, die noch problemlos joggen, Sport treiben oder stundenlang durch die Gegend laufen können. Ich gönne ihnen das durchaus. Aber wenn ich jemanden sehe, der mit knapp 60 seine Laufrunden dreht, denke ich manchmal: Verdammt, das konnte ich doch auch mal! Warum geht das bei mir nicht mehr?

    Manchmal macht mich das wütend, manchmal einfach traurig. Weil ich Dinge verloren habe, die früher ganz selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Natürlich weiß ich, dass Vergleiche wenig bringen und es nichts nützt, ständig der Vergangenheit hinterherzutrauern. Aber dieses Wissen ändert nichts daran, dass mir manches verdammt fehlt.

    Besonders die Angst vor dem Stürzen hat sich irgendwann eingeschlichen und möchte seitdem gelegentlich ungefragt mitreden. Zwischen vernünftiger Vorsicht und dem Gefühl, vom eigenen Körper ausgebremst zu werden, liegt allerdings ein gewaltiger Unterschied. Schließlich bin ich immer noch derselbe Mensch, der früher freiwillig über Hindernisse geklettert ist. Nur dass mein Körper offenbar beschlossen hat, sich nicht mehr an sämtliche Vereinbarungen zu halten.

    Und ich habe auch keine Lust, mir jeden Verlust schönzureden oder zwanghaft etwas Positives darin entdecken zu müssen. Manchmal ist etwas einfach nur scheiße. Punkt.

    Männergesundheit findet auch im Kopf statt

    Solche Veränderungen betreffen nicht nur die körperliche Gesundheit. Sie verändern auch den Blick auf sich selbst. Wie viel Selbstvertrauen bleibt, wenn bestimmte Dinge plötzlich nicht mehr funktionieren? Wie geht man damit um, wenn man Unterstützung braucht oder eigene Grenzen neu kennenlernen muss?

    Vielleicht macht uns dabei dieses hartnäckige Bild vom starken Mann das Leben zusätzlich schwer: immer alles im Griff haben, keine Schwächen zeigen und Probleme gefälligst allein lösen. Dabei macht es weder einen Mann weniger männlich noch einen Menschen weniger wertvoll, wenn er krank wird, Hilfe benötigt oder zugibt, dass es ihm gerade beschissen geht.

    Nicht ohne Grund gehört die psychische Gesundheit zu den zentralen Themen des Movember. Depressionen, Einsamkeit und Suizidprävention sind keine Randthemen. Innerhalb der queeren Community kommen möglicherweise noch weitere Belastungen hinzu: Diskriminierung, gesellschaftliche Erwartungen oder der Druck, bestimmten Schönheits- und Körperidealen entsprechen zu müssen.

    Und während wir uns einerseits gerne als besonders offen und tolerant verstehen, sind wir andererseits manchmal erstaunlich gnadenlos, wenn es um Alter, Aussehen oder körperliche Leistungsfähigkeit geht.

    Und was ist eigentlich mit dem Sex?

    Ja, auch darüber müssen wir reden. Möglichst ohne verlegenes Herumdrucksen oder alberne Umschreibungen. Denn zur Männergesundheit gehört selbstverständlich auch die sexuelle Gesundheit.

    Und damit meine ich nicht nur HIV-Prävention, PrEP oder sexuell übertragbare Infektionen. Über diese Themen wird innerhalb der schwulen Community inzwischen erfreulich offen gesprochen. Aber sobald es um Erektionsprobleme oder andere Veränderungen der eigenen Sexualität geht, scheint bei vielen Männern plötzlich eine unsichtbare Schamgrenze erreicht zu sein.

    Dabei sind Erektionsstörungen nichts Exotisches. Sie können unterschiedliche Ursachen haben. Diabetes beispielsweise kann durch Veränderungen an Blutgefäßen und Nerven die Erektionsfähigkeit beeinträchtigen. Auch Medikamente, hormonelle Veränderungen oder psychische Belastungen können eine Rolle spielen.

    Medizinisch ist das alles gut bekannt. Trotzdem wird männliche Sexualität noch immer viel zu häufig auf eine einzige körperliche Funktion reduziert: Hauptsache, der Schwanz steht.

    Was bedeutet das nun für mich persönlich? Ich empfinde nach wie vor sexuelle Lust, habe Spaß daran, mich selbst zu befriedigen, und komme dabei auch zum Orgasmus. Allerdings wird mein Schwanz nicht mehr richtig steif. Und auch die Menge an Sperma, die ich beim Orgasmus ejakuliere, ist deutlich geringer geworden. Von den teilweise beeindruckenden Mengen in Pornofilmen bin ich mittlerweile ziemlich weit entfernt. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob ausgerechnet Pornos ein sinnvoller Maßstab für ein gesundes Sexualleben sind.

    An meiner Lust ändert das zunächst einmal nichts. Trotzdem macht es etwas mit einem, wenn der Körper auf sexuelle Erregung plötzlich anders reagiert, als man es jahrzehntelang gewohnt war.

    Wie sehr mich das belastet? Unterschiedlich. An manchen Tagen ärgert es mich, und ich vermisse die Zeiten, in denen eine Erektion selbstverständlich war. An anderen Tagen ist mir das ziemlich egal. Ich empfinde Lust, kann einen Orgasmus bekommen und habe Spaß dabei. Warum sollte ich mir das schlechtreden, nur weil mein Körper nicht mehr das vollständige Programm abspult?

    Vielleicht besteht die Herausforderung darin, diese Veränderungen anzunehmen, ohne sie gleich als persönliches Versagen zu betrachten. Das gelingt mir mal besser und mal schlechter. Schließlich bin ich kein wandelnder Ratgeber für positives Denken, sondern ein Mann mit 59 Jahren, einer ziemlich lebendigen Sexualität im Kopf und einem Körper, der gelegentlich andere Vorstellungen davon hat, wie diese auszusehen hat.

    Gerade in der schwulen Szene machen wir es uns damit nicht immer leicht. Einerseits feiern wir sexuelle Freiheit und unterschiedlichste Vorlieben. Andererseits herrscht auf manchen Datingplattformen ein Leistungsdenken, bei dem man meinen könnte, ein Mann müsse jederzeit verfügbar, möglichst perfekt gebaut und selbstverständlich immer einsatzbereit sein.

    Wer körperlich nicht mehr ganz den Erwartungen entspricht, kann schnell das Gefühl bekommen, nicht mehr richtig dazuzugehören. Dabei ist sexuelle Attraktivität doch so viel mehr als ein durchtrainierter Körper oder eine zuverlässig funktionierende Erektion.

    Und dann stellt sich natürlich die Frage, wie man mit solchen Veränderungen umgeht, wenn man einem anderen Mann näherkommt. Wobei sich in meinem Fall zunächst die Frage stellt, wann das überhaupt mal wieder passiert. Bevor ich mir Gedanken darüber machen kann, wie ein potenzieller Bettpartner auf meine körperlichen Einschränkungen reagiert, müsste sich schließlich erst einmal einer finden. Und das gestaltet sich bekanntlich nicht immer ganz einfach. Mit 59 gehört man auf manchen Datingplattformen nicht unbedingt zur bevorzugten Zielgruppe. Zum alten Eisen zähle ich mich deshalb aber noch lange nicht.

    Und um es ganz unverblümt zu sagen: Ja, ich hätte verdammt gerne mal wieder richtig geilen Sex!

    Nicht nur ein bisschen Kuscheln, Händchenhalten und gemeinsam romantisch den Sonnenuntergang betrachten. Wobei ich gegen all das überhaupt nichts einzuwenden hätte. Ich mag Zärtlichkeit, körperliche Nähe und das Gefühl, einen anderen Mann im Arm zu halten oder selbst gehalten zu werden. Aber ich habe eben auch sexuelle Wünsche, Fantasien und Bedürfnisse, die sich nicht einfach in Luft auflösen, nur weil ich inzwischen 59 bin und mein Schwanz nicht mehr zuverlässig steif wird.

    Als müsste man ab einem bestimmten Alter seine sexuellen Wünsche gefälligst gegen eine Wärmflasche und eine Tasse Kamillentee eintauschen. Vielen Dank auch, aber so weit bin ich noch lange nicht.

    Ich möchte weiterhin begehrt werden, andere Männer begehren und meine Sexualität genießen. Und wenn sich daraus neben richtig gutem Sex auch noch Nähe, Vertrautheit und vielleicht sogar ein bisschen mehr entwickelt, hätte ich dagegen ganz sicher nichts einzuwenden.

    Was mich ärgert, ist das Schweigen über solche Veränderungen. Eine Erektionsstörung ist kein persönliches Versagen, sondern zunächst einmal ein gesundheitliches Symptom, das man ärztlich abklären lassen sollte. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten und auch andere Wege, Sexualität lustvoll und erfüllend zu erleben. Sex besteht bekanntlich nicht ausschließlich aus Penetration. Eine Erkenntnis, die gerade unter schwulen Männern eigentlich keine revolutionäre Neuigkeit sein sollte.

    Lust, Leidenschaft und Intimität verschwinden schließlich nicht automatisch, nur weil der Körper an einer bestimmten Stelle nicht mehr so funktioniert wie früher.

    Mein Movember 2026

    In diesem Jahr möchte ich den Movember wieder ganz bewusst aufgreifen. Allerdings nicht nur mit einem Schnurrbart oder einem Beitrag über Männergesundheit, sondern auch mit einer persönlichen sportlichen Herausforderung.

    Zehn Kilometer schwimmen, verteilt auf insgesamt 200 Bahnen im 50-Meter-Becken der Hamburger Alsterschwimmhalle, habe ich mir vorgenommen. Die wegen ihrer markanten Dachkonstruktion liebevoll „Schwimmoper“ genannte Halle ist für mich übrigens kein unbekanntes Terrain. Früher bin ich dort mit Swenni morgens vor der Arbeit regelmäßig schwimmen gegangen. Einfach ein paar Bahnen ziehen und anschließend ins Büro. Damals gehörte das ganz selbstverständlich zu meinem Alltag.

    Nun möchte ich dorthin zurückkehren. Nicht für die gesamten zehn Kilometer an einem Tag, versteht sich. So wahnsinnig bin ich nun auch wieder nicht. Ich möchte wieder etwas aktiver werden und herausfinden, was mein Körper heute überhaupt noch leisten kann.

    Vielleicht kommt dabei die nächste Ernüchterung. Vielleicht steige ich ins Wasser, schwimme meine ersten Bahnen und stelle irgendwann fest: „Ingo, das ist auch nicht mehr so wie früher. Macht das überhaupt noch Sinn?“

    Vielleicht fehlt mir die Kondition, vielleicht macht mein Körper nicht so mit, wie ich es mir vorstelle. Und vielleicht werde ich enttäuscht sein, wenn meine Erwartungen und die Realität wieder einmal zwei ziemlich unterschiedliche Dinge sind.

    Ich möchte mir jedenfalls nicht schon im Voraus einreden, dass alles großartig werden wird, wenn ich nur fest genug daran glaube. So funktioniert das Leben nun einmal nicht. Manche Grenzen lassen sich auch mit noch so viel Motivation nicht einfach überwinden.

    Aber ich möchte zumindest herausfinden, wo sie heute liegen.

    Und wenn ich irgendwann feststellen sollte, dass auch das Schwimmen nicht mehr so funktioniert wie früher, dann wechsle ich eben mit Blümchenbadekappe auf die Rentner-Bahn. Hauptsache, ich habe dabei noch meinen Spaß.

    Und wer weiß, vielleicht lerne ich dort sogar einen netten Mann kennen. Dann hätte sich der ganze Aufwand wenigstens in mehrfacher Hinsicht gelohnt.