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  • BOTTOM SOCKS – Von der Grindr-Pointe zur eigenen Rave-EP

    BOTTOM SOCKS – Von der Grindr-Pointe zur eigenen Rave-EP

    Wie ein Paar Kniestrümpfe, ein bisschen künstliche Intelligenz und meine Liebe zur elektronischen Musik für eine ziemlich unerwartete Clubnacht sorgten.

    Es gibt Ideen, bei denen man eigentlich schon im ersten Moment weiß, dass sie vollkommen bekloppt sind. Und manchmal sind genau das die besten.

    Bei mir fing alles mit einem Paar Kniestrümpfe an. Schwarz-weiß, sportlich und mit einer ziemlich eindeutigen Aufschrift: BOTTOM.

    Wer sich ein bisschen in der schwulen Szene auskennt, dürfte die Pointe verstehen. Und wer dazu noch weiß, dass ich 2,06 Meter groß bin, kann sich vielleicht vorstellen, wie schnell daraus ein ziemlich alberner Gedankenaustausch wurde.

    Irgendwann stand die Frage im Raum: Warum machen wir daraus eigentlich keinen Song?

    Von der Schnapsidee zum Deep-House-Track

    Also entstand ein englischer Text. Ein bisschen Grindr, ein bisschen Selbstironie, eine gehörige Portion Zweideutigkeit und natürlich die obligatorische Frage:

    „Are you a top?“

    Die Antwort?

    „GOOD!“

    Mit dem KI-Musikgenerator Suno machten wir uns anschließend daran, aus dieser Idee einen richtigen Track zu entwickeln.

    Ursprünglich schwebte mir ein klassischer 90er-Rave-Sound vor. Doch dann führte uns das Experiment zunächst in eine ganz andere Richtung: düsterer, warmer Deep House, mit einem treibenden Bass, viel Atmosphäre und einer tiefen, fast geflüsterten Männerstimme.

    Und plötzlich klang unser alberner Song erstaunlich gut.

    Ein Ginger am Mikrofon

    In meiner kleinen fiktiven Künstlerwelt gibt es zwei Brüder: Finn und Jonte Ahrens. Beide rothaarig, beide ziemlich eigenwillig und inzwischen fester Bestandteil meiner kreativen Experimente.

    Finn bekam kurzerhand die Rolle des Sängers. Seine tiefe, verruchte Stimme wurde zum Markenzeichen von BOTTOM SOCKS. Natürlich handelt es sich technisch um eine KI-generierte Stimme, aber in unserem kleinen musikalischen Universum gehört sie eben Finn.

    Sein jüngerer Bruder Jonte übernahm gleich die Remix-Abteilung. Und weil er sich mit einem einzigen Remix nicht zufriedengeben wollte, wurden es zwei.

    So entstanden Jonte’s Midnight Mischief Remix und Jonte’s After Hours Affair Remix.

    Beide etwas verspielter, funkiger und mit kleinen Unterschieden im Arrangement.

    Und dann kam die Love Parade zurück

    Wer mich kennt, weiß, dass elektronische Musik für mich weit mehr ist als ein gelegentlicher Ausflug auf die Tanzfläche.

    Techno, Rave, Mayday, Love Parade – das war ein wichtiger Teil meiner musikalischen Sozialisation. Und irgendwann wollte ich wissen, was passiert, wenn wir BOTTOM SOCKS in genau diese Richtung schicken. Die Inspiration lieferten unter anderem Faithless mit „Insomnia“ und der legendäre Pump-Panel-Remix von New Orders „Confusion“.

    Das Ergebnis: BOTTOM SOCKS (Ingo’s Warehouse Revival Mix).

    5 Minuten und 39 Sekunden düstere Clubatmosphäre, treibende Beats und ein Arrangement, das mich völlig überrascht hat.

    Da läuft plötzlich ein Vocal-Echo:

    „We’ve got all night … night … night …“

    Dann wird die Musik fast vollständig reduziert. Nur noch diese tiefe Stimme, ein bisschen Bass und jede Menge Spannung.

    „I need to know …“

    Bassline.

    „Are you a top?“

    Bassline.

    „GOOD!“

    Und dann geht die Post wieder ab.

    Ich saß vor meinen Lautsprechern und hatte tatsächlich Gänsehaut.

    Mehrmals.

    Acht Tracks und ein eigenes Plattenlabel

    Aus einem Song wurden verschiedene Versionen. Aus den Versionen wurde eine kleine Sammlung. Und irgendwann hatten wir acht Tracks, die zusammen eine musikalische Reise ergeben.

    Natürlich brauchte das Kind auch einen Namen.

    Also wurde kurzerhand MISTERMADHH RECORDS gegründet – zumindest als mein eigenes kleines kreatives Musiklabel.

    Die erste Veröffentlichung trägt die Katalognummer MMHH-001 und heißt schlicht:

    BOTTOM SOCKS EP

    Die acht Tracks führen vom entspannten Schlafzimmer-Groove über funkige Deep-House-Remixe bis zur großen Warehouse-Eskalation. Und weil wir uns selbst nicht allzu ernst nehmen, gibt es natürlich auch einen Poppers & Chill Mix.

    Die BOTTOM SOCKS EP

    1. BOTTOM SOCKS (The Bedroom Sessions Mix) – 5:07
    2. BOTTOM SOCKS (The After Dark Mix) – 5:27
    3. BOTTOM SOCKS (Jonte’s Midnight Mischief Remix) – 4:50
    4. BOTTOM SOCKS (Jonte’s After Hours Affair Remix) – 4:43
    5. BOTTOM SOCKS (Ingo’s Warehouse Revival Ginger Mix Edit) – 5:28
    6. BOTTOM SOCKS (Ingo’s Warehouse Revival Mix) – 5:39
    7. BOTTOM SOCKS (Poppers & Chill Mix) – 5:17
    8. BOTTOM SOCKS (The Bedroom Sessions Edit) – 4:42

    Gesamtlaufzeit: rund 41 Minuten.

    Und was sagt uns das jetzt?

    Vielleicht einfach, dass Kreativität manchmal an den merkwürdigsten Stellen beginnt.

    Ich habe weder ein Tonstudio noch eine Band. Die Musik wurde mit künstlicher Intelligenz erzeugt. Aber die Idee, die Texte, die musikalische Richtung, die Entscheidungen und die Auswahl der fertigen Tracks sind Teil meines eigenen kreativen Prozesses.

    Vor allem aber hatte ich einen Riesenspaß dabei.

    Und wenn ich bei einem Song, der ursprünglich als Witz über ein Paar Kniestrümpfe gedacht war, plötzlich Gänsehaut bekomme, dann hat sich dieses Experiment für mich schon gelohnt.

    MISTERMADHH RECORDS – MMHH-001

    Are you a top?

    GOOD!

  • Als Hamburg plötzlich ohne Hose U-Bahn fuhr

    Als Hamburg plötzlich ohne Hose U-Bahn fuhr

    Manchmal findet man beim Herumstöbern im Internet Dinge wieder, bei denen man kurz denkt: Ach ja. Das habe ich ja auch mal gemacht.

    In diesem Fall war es ein alter Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015. Darin ging es um Menschen, die mitten im Januar ohne Hose durch Hamburg fuhren.

    Mit der U-Bahn.

    Und ich war nicht etwa zufällig dabei.

    Ich gehörte zu denen, die dazu aufgerufen hatten.

    Eine Idee aus New York

    Der No Pants Subway Ride begann 2002 in New York. Hinter der Aktion steckte die Gruppe Improv Everywhere. Die Idee war ebenso simpel wie absurd: Menschen fahren ganz normal mit der U-Bahn – und entledigen sich irgendwann ihrer Hose.

    Keine Demonstration, keine große Botschaft. Es ging um den absurden Moment und darum, andere Menschen zum Lachen zu bringen.

    Aus der New Yorker Aktion wurde mit den Jahren ein internationales Ereignis mit Teilnehmern in zahlreichen Städten rund um die Welt.

    Und irgendwann auch in Hamburg.

    Ich war damals Mitglied der Hamburger Flashmob-Community. Wir organisierten unterschiedliche Aktionen und waren natürlich immer auf der Suche nach neuen Ideen.

    Menschen dazu zu bringen, mitten im Hamburger Winter ihre Hosen in der U-Bahn auszuziehen?

    Klang passend.

    Im ersten Jahr waren wir noch Anfänger

    Bei unserer ersten Hamburger Ausgabe war der Ablauf noch vergleichsweise einfach. Wir starteten alle an derselben Haltestelle. Was wir allerdings ein wenig unterschätzt hatten: Die Presse hatte ebenfalls Wind von der Sache bekommen. Und mit Presse meine ich nicht ein oder zwei Fotografen, die irgendwo möglichst unauffällig am Bahnsteig herumstanden. Am Treffpunkt erschienen gleich mehrere Fernsehteams, darunter RTL Nord. Die stiegen anschließend sogar mit uns in die U-Bahn und versuchten dort, möglichst „unauffällig“ zu filmen.

    Was mit einem Fernsehteam samt Kameraausrüstung in einer U-Bahn ungefähr so gut funktioniert, wie man es sich gerade vorstellt.

    Immerhin waren sie vorbereitet: Sie hatten sich sogar entsprechende Drehgenehmigungen vom HVV besorgt. Für die Berichterstattung war das natürlich prima. Für das Grundprinzip eines Flashmobs eher weniger.

    Wir mussten an der Choreografie arbeiten

    In den folgenden Jahren wurde die Hamburger Variante deshalb etwas ausgefeilter.

    Es gab einen gemeinsamen Treffpunkt, an dem zunächst erklärt wurde, wie die Aktion ablaufen sollte. Anschließend fuhren einzelne Gruppen voraus und verteilten sich auf die folgenden drei Haltestellen.

    Und ganz wichtig: Alle waren zunächst vollständig angezogen. Die Hose blieb also keineswegs zu Hause. Dann kam die Bahn. Die ersten Teilnehmer stiegen ein. Eine Station später kamen weitere dazu. Dann noch einmal welche. Und erst in der Bahn kam der entscheidende Moment: Hose aus.

    Natürlich blieb die Unterwäsche an. Die Hose verschwand in einer mitgebrachten Tasche oder einem Rucksack. Danach bestand die eigentliche Kunst darin, sich möglichst so zu verhalten, als wäre überhaupt nichts Besonderes passiert. Herumsitzen. Lesen. Aus dem Fenster schauen. Und möglichst nicht den anderen Teilnehmern quer durch den Wagen verschwörerisch zugrinsen. Für die normalen Fahrgäste entwickelte sich die Situation dadurch erst nach und nach. Gerade eben war das noch eine vollkommen gewöhnliche Hamburger U-Bahn.

    Und plötzlich saßen erstaunlich viele Menschen darin, die offenbar völlig unabhängig voneinander beschlossen hatten, an diesem Tag auf Beinkleidung zu verzichten.

    Spätestens beim Umsteigen war dann allerdings nichts mehr unauffällig.

    Die Sache mit der Unterwäsche

    Natürlich gab es Regeln. Lustig durfte die Unterwäsche sein. Ausgefallen auch. Pompös? Sehr gerne. Nur anstößig sollte es nicht werden.

    In einer späteren Veranstaltungsankündigung formulierten wir das sogar ziemlich deutlich: Strings oder „Rüsselslips“ waren ausdrücklich nicht erwünscht. Es sollte schließlich lustig und nicht anstößig sein. Schließlich ging es nicht darum, andere Fahrgäste zu schockieren. Wir wollten sie zum Schmunzeln bringen. Und daran erinnere ich mich tatsächlich noch: an viele amüsierte Gesichter. Dieses kurze Zögern. Der Blick auf die Person gegenüber. Noch ein Blick durch den Wagen. Und irgendwann vermutlich die Erkenntnis: Hier stimmt doch irgendetwas nicht.

    Genau darum ging es.

    Al Fonso fährt U-Bahn

    Bei der Wahl der Unterwäsche durfte man durchaus kreativ werden. Und 2012 hatte ich dafür sogar ein echtes Einzelstück. Frank Bürmann von The Art of Hamburg bemalte eigens für mich eine weiße Unterhose. Das Motiv stammte von Al Fonso, seinem etwas versauten Alter Ego.

    Und das gute Stück blieb im Einsatz: Am 8. Januar 2017 präsentierte ich es auf Instagram erneut mit den Worten: „Heute mal wieder mit Kunst von Al Fonso unterwegs!“

    Sagen wir es so: Unauffällig war die Unterhose nicht.

    Sollte sie aber auch gar nicht sein. Und falls sich jemand fragt, was daraus geworden ist: Ich habe sie immer noch.

    Al Fonso im Einsatz beim No Pants Subway Ride 2017.

    Die Unterhose hatte damit eine längere No-Pants-Subway-Ride-Karriere als so mancher Teilnehmer.

    Und die Presse durfte trotzdem wiederkommen

    Aus den Erfahrungen des ersten Jahres hatten wir gelernt.

    Die Medien waren auch bei späteren Aktionen willkommen. Nur wollten wir vorher wissen, wer kommt und wie die Berichterstattung ablaufen sollte.

    Denn wenn bereits ein Kamerateam im Wagen steht und darauf wartet, dass gleich etwas passiert, ist das Überraschungsmoment naturgemäß überschaubar.

    In unserer Veranstaltungsbeschreibung für 2018 gab es deshalb sogar einen eigenen Hinweis für die Presse. Nach den schlechten Erfahrungen des ersten Jahres baten wir ausdrücklich um vorherige Kontaktaufnahme. Berichterstattung war willkommen – nur sollten Kamerateams nicht wieder die eigentliche Aktion in den U-Bahnen zerstören.

    Treffpunkt war 2018 übrigens der U-Bahnhof St. Pauli am Ausgang Heiligengeistfeld. Vollständig bekleidet, versteht sich.

    Man kann schließlich viel über uns sagen. Aber unorganisiert waren wir nicht.

    Und heute?

    Heute stolpere ich wieder über alte Artikel, Veranstaltungsbeschreibungen und Fotos aus dieser Zeit und denke: Ach ja. Da war ja was.

    Es gab tatsächlich einige Jahre, in denen wir Menschen dazu brachten, sich mitten im Januar in Hamburger U-Bahnen ihrer Hosen zu entledigen.

    Mit Treffpunkt. Mit Ablaufplan. Mit verteilten Einstiegsstationen. Mit Pressekoordination. Mit Drehgenehmigungen. Und gelegentlich mit eigens von Hamburger Künstlern bemalten Unterhosen. Andere Menschen sammeln Briefmarken. Ich habe Flashmobs organisiert.

    Wobei …

    Inzwischen sammle ich auch Briefmarken.

    Aber das ist wieder eine andere Geschichte.