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  • All The Things She Said – Wenn ein alter Popsong plötzlich Gänsehaut macht

    All The Things She Said – Wenn ein alter Popsong plötzlich Gänsehaut macht

    Von t.A.T.u. über Heated Rivalry bis zum großen Orchester: Wie mich ein Song nach mehr als 20 Jahren gleich zweimal neu begeistern konnte.

    Manchmal braucht es nur eine Fernsehserie, um einen Song wiederzuentdecken, den man eigentlich seit Jahrzehnten kennt. Und manchmal reicht selbst diese Wiederentdeckung nicht aus, weil man wenig später über eine weitere Version stolpert, die einen musikalisch noch einmal völlig aus den Socken haut. Genau das ist mir mit „All The Things She Said“ passiert, dem großen Hit des russischen Duos t.A.T.u. aus dem Jahr 2002. Ein Song, den ich damals natürlich kannte, der aber irgendwann wie so viele andere Titel in der riesigen Schublade meiner musikalischen Erinnerungen verschwunden war.

    Bis Heated Rivalry kam.

    Zwei Eishockeyspieler und ein alter Popsong

    Wer Heated Rivalry noch nicht kennt: Die kanadische Serie erzählt die Geschichte von Shane Hollander und Ilya Rozanov, zwei rivalisierenden Eishockeyprofis, zwischen denen sich über Jahre hinweg eine ebenso leidenschaftliche wie komplizierte Liebesgeschichte entwickelt. Und ja, die Serie ist ziemlich schwul. Was ich an dieser Stelle ausdrücklich als Kompliment verstanden wissen möchte.

    Neben den beiden Hauptdarstellern spielt auch die Musik eine wichtige Rolle. Sie dient nicht bloß dazu, irgendwelche Szenen akustisch zu untermalen, sondern trägt immer wieder zur emotionalen Wirkung der Handlung bei. So auch in einer Clubszene der vierten Folge, in der „All The Things She Said“ in einer Coverversion von Harrison zu hören ist.

    Und plötzlich war dieser Song wieder da. Nicht einfach als nostalgische Erinnerung an die frühen 2000er-Jahre, sondern in einem vollkommen anderen Zusammenhang. Ein Lied, das einst mit einer inszenierten lesbischen Liebesgeschichte für Schlagzeilen gesorgt hatte, begleitet nun eine ausdrücklich schwule Liebesgeschichte. Ich fand allein diese Verbindung schon bemerkenswert, zumal der Song innerhalb der Serie eben nicht nur als beliebige Hintergrundmusik funktioniert.

    Damit hatte „All The Things She Said“ seinen Weg zurück in meine musikalische Gegenwart gefunden. Dass daraus noch eine kleine Entdeckungsreise werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht.

    Und plötzlich wird es ganz großes Kino

    Vor Kurzem stolperte ich bei Spotify über einen „Orchestral Remix“ von Harrison und Joseph William Morgan. Da ich den Song durch Heated Rivalry ohnehin wieder auf dem Schirm hatte, war meine Neugier natürlich geweckt. Also Kopfhörer auf, Wiedergabe gestartet und …

    BÄM!

    Was für eine Version! Diese Streicher, diese Dramatik, diese unglaubliche emotionale Wucht. Die vertraute Melodie bekommt durch das Orchester eine ganz andere Dimension, beinahe so, als hätte jemand aus einem Popsong plötzlich den Soundtrack für ein großes Filmdrama gemacht. Und ich liebe solche Arrangements. Wenn sich eine Melodie langsam entfaltet, die Streicher immer intensiver werden und die Musik eine emotionale Kraft entwickelt, die man dem ursprünglichen Song vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

    Interessanterweise sind die Versionen von Harrison gar nicht so neu, wie ich zunächst dachte. Laut Spotify wurden sie bereits im Oktober 2022 veröffentlicht. An mir waren sie damals offenbar komplett vorbeigegangen. Erst Heated Rivalry brachte mich 2026 auf ihre Spur, und erst jetzt entdeckte ich diesen wunderbaren Orchesterremix.

    Bei meiner anschließenden Suche auf YouTube stieß ich dann auch noch auf das offizielle Video einer rein instrumentalen Orchesterversion von Joseph William Morgan. Ohne Gesang, ohne Ablenkung, nur die Musik. Und gerade dabei wird für mich besonders deutlich, wie viel Gefühl eigentlich in dieser Komposition steckt. Die Streicher übernehmen gewissermaßen die Rolle der Stimme und erzählen die Geschichte auf ihre ganz eigene Weise.

    Nur einen einzigen Kritikpunkt habe ich an diesem musikalischen Vergnügen: 2 Minuten und 42 Sekunden! Ernsthaft? Da entfaltet sich diese wunderschöne Orchesterlandschaft, ich mache es mir gerade gemütlich und möchte am liebsten noch viel tiefer darin versinken, und schon ist der Spaß wieder vorbei. Liebe Leute, wenn ihr schon so ein großartiges Arrangement produziert, dann gebt mir doch bitte wenigstens fünf Minuten davon! Von mir aus auch sechs. Ich wäre da ausgesprochen großzügig.

    Zum Glück wurde irgendwann die Wiederholungstaste erfunden.

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    t.A.T.u. – zwischen Popgeschichte und kalkulierter Provokation

    Natürlich lässt sich über „All The Things She Said“ kaum schreiben, ohne einen Blick auf die Geschichte des Originals zu werfen. Als Lena Katina und Julia Volkova 2002 mit dem Song international durchstarteten, war die Aufmerksamkeit gewaltig. Musikalisch war der Titel eingängig, kraftvoll und mit seinem Wechsel zwischen eher zurückhaltenden Strophen und dem beinahe herausgeschrienen Refrain ein echter Ohrwurm. Mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit bekam allerdings das Musikvideo.

    Zwei junge Frauen in Schuluniformen, die sich im strömenden Regen küssen, während eine Menschenmenge sie hinter einem Zaun beobachtet. Die Bilder waren bewusst provokant, und das angeblich lesbische Liebespaar wurde zum zentralen Bestandteil der Vermarktung von t.A.T.u. In einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Liebe im Mainstream-Pop noch längst nicht die Selbstverständlichkeit besaß, die wir uns heute zumindest wünschen würden, sorgte das natürlich für reichlich Diskussionen.

    Später stellte sich heraus, dass die angebliche Liebesbeziehung der beiden Sängerinnen vor allem eine Inszenierung war. Die Künstlerinnen distanzierten sich in unterschiedlicher Weise von dem Image, das sie selbst öffentlich mitgetragen hatten. Besonders unangenehm wurde die Geschichte 2014, als Julia Volkova mit homophoben Aussagen über schwule Männer auffiel. Lena Katina widersprach dieser Haltung öffentlich und sprach sich für das Recht jedes Menschen aus, zu lieben, wen er möchte.

    Lena Katina und Julia Volkova von t.A.T.u. posieren auf einem alten Metallbett zwischen Autowracks.
    t.A.T.u. – Lena Katina und Julia Volkova, 2005. © Universal Music GmbH

    Das alles hinterlässt natürlich einen ziemlich bitteren Beigeschmack. Einerseits wurde mit lesbischer Liebe Aufmerksamkeit und Geld verdient, andererseits folgten später Aussagen, die mit der vermeintlich queeren Botschaft des Projekts nur schwer vereinbar waren.

    Und trotzdem glaube ich, dass man die Wirkung eines Songs nicht ausschließlich an den Absichten seiner Vermarktung messen kann. Für manche queere Jugendliche dürften die Bilder zweier Mädchen, die sich trotz der ablehnenden Blicke ihrer Umgebung küssen, durchaus eine Bedeutung gehabt haben. Dass die Geschichte dahinter konstruiert war, macht die Inszenierung nicht ehrlicher. Es bedeutet aber auch nicht, dass die Gefühle des Publikums deshalb weniger echt gewesen wären.

    Umso interessanter finde ich es, dass ausgerechnet dieser Song mehr als zwei Jahrzehnte später in Heated Rivalry wieder auftaucht und dort in einem ganz anderen queeren Zusammenhang funktioniert.

    Bei meiner kleinen Spotify-Spurensuche fiel mir übrigens noch etwas auf. Während die dort gelisteten Single-Veröffentlichungen von 2002 diverse Remixe enthalten, taucht der Zusatz „Heated“ in deren Titeln nicht auf. Am 27. Februar 2026 erschien dagegen eine weitere Single mit gleich zwei entsprechend benannten Versionen: „Martin’s Heated Radio Remix“ und „Martin’s Extended Heated Radio Remix“. Letzterer bringt es immerhin auf stolze 6 Minuten und 21 Sekunden.

    Ein Schelm, wer dabei an den Erfolg von Heated Rivalry denkt. Ich jedenfalls habe den Verdacht, dass man sich die neue Aufmerksamkeit für den alten Hit bei der Plattenfirma nicht entgehen lassen wollte. Und ganz nebenbei zeigt die Existenz eines mehr als sechsminütigen Remixes, dass mein Wunsch nach einer längeren Orchesterversion nun wirklich nicht übertrieben ist.

    Wenn dieselbe Musik plötzlich etwas ganz anderes erzählt

    Was mich an dieser ganzen Geschichte besonders fasziniert, ist die Frage, wie sehr sich die emotionale Wirkung eines Songs durch ein anderes Arrangement verändern kann. Man kennt eine Melodie seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, und glaubt, sie längst in- und auswendig zu kennen. Und dann kommt jemand, verändert die Instrumentierung, das Tempo oder die Atmosphäre, und plötzlich entdeckt man darin Gefühle, die vorher kaum wahrnehmbar waren.

    Ein wunderbares Beispiel dafür ist für mich „Mad World“ von Tears for Fears. Die Band gehörte zu den musikalischen Idolen meiner Jugend. „Mad World“, „Shout“ und andere Songs waren echte Banger, als ich mit 15 oder 16 Jahren gerade anfing, die Disco- und Clubwelt für mich zu entdecken. Ja, Kinder, das ist tatsächlich schon ein paar Jahrzehnte her! Das Original von 1982 besitzt diesen typischen New-Wave-Sound mit Synthesizern und einem durchaus treibenden Rhythmus. Obwohl der Text alles andere als fröhlich ist, wirkt die Musik stellenweise fast tanzbar. Und dann hört man die Version von Gary Jules und Michael Andrews, die insbesondere durch den Film Donnie Darko bekannt wurde. Plötzlich dominieren Klavier und eine zurückhaltende Stimme, und aus demselben Song wird etwas Zerbrechliches, Melancholisches und beinahe Hoffnungsloses.

    Genau solche musikalischen Verwandlungen liebe ich. Bei „Mad World“ entstand die neue emotionale Wirkung vor allem durch die Reduktion auf das Wesentliche. Bei „All The Things She Said“ ist es für mich gerade die große Orchesterbesetzung, die der Melodie eine zusätzliche Tiefe verleiht. Beides zeigt, dass eine gute Komposition viel mehr Möglichkeiten in sich tragen kann, als ihre ursprüngliche Aufnahme vermuten lässt.

    Und deshalb habe ich für diesen Artikel auch eine kleine Spotify-Playlist zusammengestellt. Darin lassen sich die unterschiedlichen Versionen von „All The Things She Said“ direkt miteinander vergleichen. Vielleicht geht es euch beim Hören ja ähnlich wie mir und ihr entdeckt in einer der Interpretationen plötzlich etwas, das euch beim Original nie aufgefallen ist.

    Ein alter Song, eine neue Geschichte

    Wenn ich heute „All The Things She Said“ höre, denke ich nicht mehr ausschließlich an t.A.T.u., die Schuluniformen und die Kontroversen von damals. Inzwischen gehören auch Shane und Ilya aus Heated Rivalry zu meinen Assoziationen. Und vor allem denke ich an diese wunderbaren Streicher, die aus einer vertrauten Popmelodie für mich plötzlich etwas beinahe Magisches gemacht haben.

    Vielleicht ist das überhaupt eines der schönsten Dinge an Musik: Sie bleibt nicht zwangsläufig an den Moment gebunden, in dem wir sie zum ersten Mal gehört haben. Ein Song kann uns durch verschiedene Lebensphasen begleiten, zwischendurch völlig aus unserem Blickfeld verschwinden und Jahre später in einem neuen Zusammenhang wieder auftauchen. Und manchmal verliebt man sich dann noch einmal ganz neu in ihn.

    Genau das ist mir hier passiert. Erst hat Heated Rivalry einen alten Popsong zurück in meine Playlist gebracht. Dann haben Harrison und Joseph William Morgan dafür gesorgt, dass ich ihn plötzlich mit ganz anderen Ohren höre.

    Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss noch einmal diese Orchesterversion hören.

    Auch wenn sie nach 2 Minuten und 42 Sekunden schon wieder vorbei ist.