Schlagwort: Männlichkeitsbilder

  • Moderne „Prostitution“ – Zwischen Lust, Geld und Menschlichkeit

    Moderne „Prostitution“ – Zwischen Lust, Geld und Menschlichkeit

    Seit 1995 ist St. Pauli mein Zuhause, wenn auch mit ein paar kleineren Unterbrechungen. Und wer so lange in diesem Stadtteil lebt, kommt zwangsläufig auch mit seinem berühmten Rotlichtmilieu in Berührung. Nicht unbedingt als Kunde, sondern manchmal einfach als Nachbar.

    Eine Zeit lang habe ich in der Querstraße gewohnt, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen der Silbersackstraße und dem Hans-Albers-Platz. Dort standen damals zwischen 20 Uhr abends und sechs Uhr morgens die „leichten Mädchen“, wie man früher gern sagte. Wer als Mann über den Platz lief, musste durchaus damit rechnen, angesprochen zu werden. Die Damen waren nicht gerade schüchtern. Da wurde sich schon mal ganz selbstverständlich beim vorbeilaufenden Herrn eingehakt und mit einem freundlichen „Hey, Süßer, hast du Lust auf …?“ das Verkaufsgespräch eröffnet.

    Nun bin ich bekanntlich schwul. Und das nicht erst seit gestern. Schon in meiner Pubertät war mir ziemlich klar, dass ich ausschließlich auf Jungs stehe. Mit einer Frau hatte ich in meinem gesamten Leben noch nie etwas Sexuelles. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Wenn ich also angesprochen wurde, erklärte ich freundlich, dass ich nur auf Männer stehe. Was allerdings nicht bedeutete, dass die Damen sofort aufgaben. Eine besonders schlagfertige Antwort ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Du, ich habe auch Spielzeuge!“

    Und ich gebe zu: Einen kurzen Augenblick habe ich tatsächlich überlegt. Natürlich ausschließlich aus wissenschaftlichem Interesse!

    Mit der Zeit kannten mich einige der Frauen bereits vom Sehen. Wenn dann neue Kolleginnen auf dem Platz auftauchten und ihr Glück bei mir versuchen wollten, kam gelegentlich schon von der Seite der trockene Hinweis: „Brauchst du nicht, wohnt hier, ist schwul!“

    Ich muss heute noch darüber lachen. Natürlich waren die Frauen dort, um Geld zu verdienen, und mir ist durchaus bewusst, dass Sexarbeit ein hartes Geschäft sein kann. Wir haben auch nicht ständig miteinander geplaudert. Dafür hatten sie schließlich anderes zu tun. Aber zwischen diesen alltäglichen Begegnungen gab es eben auch kleine Momente von Humor und Zwischenmenschlichkeit. Man kannte sich, erkannte sich wieder und gehörte irgendwie zum selben Straßenbild.

    Inzwischen hat sich auf St. Pauli einiges verändert. Gerade seit der Corona-Pandemie habe ich den Eindruck, dass deutlich weniger Frauen rund um den Hans-Albers-Platz und die Herbertstraße arbeiten als früher. Gleichzeitig ist erotische Unterhaltung längst auch in der digitalen Welt zu Hause. Und damit wären wir bei einem kleinen Geständnis.

    Ich habe noch nie für Sex bezahlt. Oder etwa doch?

    Klassische Prostitution habe ich nie in Anspruch genommen. Weder bei Frauen noch bei Männern. Das heißt allerdings keineswegs, dass ich grundsätzlich kein Geld für Erotik ausgebe. Ganz im Gegenteil.

    Junger Mann sitzt in einem dunklen Zimmer mit Smartphone und Laptop auf dem Bett. Blaues und rotes Licht beleuchten die Szene.

    Cam4 und OnlyFans gehören durchaus zu den Plattformen, auf denen ich mich gelegentlich herumtreibe. Und ja, dort lasse ich auch schon mal Geld. Manchmal sogar recht großzügig. Über konkrete Beträge möchte ich allerdings lieber schweigen. Ein bisschen Privatsphäre muss schließlich bleiben, und meine persönliche Buchhaltung geht nun wirklich niemanden etwas an.

    Natürlich schaue ich mir dort Männer an, die ich attraktiv finde. Was denn sonst? Ich werde jetzt bestimmt nicht behaupten, dass mich ausschließlich die interessanten Gespräche über internationale Politik oder die aktuelle Wetterlage vor die Webcam locken. Aber tatsächlich geht es mir nicht immer nur um das, was die Männer vor der Kamera veranstalten.

    Ich mag beispielsweise besonders die Darsteller, die offenbar aus ihrem eigenen Zuhause streamen. Ein ganz normales Schlafzimmer, ein Sofa, vielleicht irgendwo ein Wäscheständer im Hintergrund. Das hat für mich einen anderen Reiz als eine perfekt ausgeleuchtete Studiokulisse. Ob es wirklich die eigene Wohnung ist, kann ich natürlich nicht überprüfen. Aber es wirkt persönlicher, weniger inszeniert und irgendwie näher.

    Auf Cam4 kann man Darstellern Trinkgelder geben. Manchmal einfach, weil einem gefällt, was man sieht, manchmal für bestimmte Wünsche aus einem sogenannten Tip-Menü. Und dann gibt es natürlich noch die privaten Chats, bei denen man einen Darsteller für eine gewisse Zeit ganz für sich hat. Die Preise dafür unterscheiden sich teilweise erheblich. Ich habe auch schon einen solchen privaten Chat erlebt, der fast anderthalb Stunden dauerte. Und um es ganz unmissverständlich zu sagen: Das war einfach geil!

    Was mich allerdings manchmal selbst ein wenig amüsiert, ist die Tatsache, dass ich einigen meiner Lieblingsdarsteller sogar Weihnachtsgeschenke gemacht habe. Und nein, wir reden hier nicht von selbst gebackenen Plätzchen oder einem hübschen Kalender mit Hamburger Hafenmotiven.

    Kenneth Wade bekam beispielsweise einen ziemlich großen Dildo. Ein anderer Darsteller durfte sich über einen großen Hush freuen. Die Geschenke wurden anschließend sogar live vor der Kamera ausgepackt, und die Freude darüber war durchaus sehenswert.

    Warum ich das gemacht habe? Ganz einfach: Weil ich den Männern eine Freude bereiten wollte. Ich mochte ihre Auftritte, fand sie sympathisch und wollte ihnen etwas schenken, von dem ich wusste, dass sie es gebrauchen konnten. Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass auch solche Reaktionen Teil der Show sein können. Sicherlich. Aber muss deshalb jede Freude automatisch unecht sein?

    Mit einigen Darstellern habe ich über die Jahre auch außerhalb der jeweiligen Plattform Kontakt gehalten. Teilweise sogar noch lange, nachdem sie mit dem Streamen aufgehört hatten. Einige habe ich später persönlich kennengelernt, beispielsweise rund um den CSD in Köln oder bei einem Besuch in Berlin. Das waren bewusst verabredete Treffen, und bevor jetzt irgendwelche Fantasien entstehen: Nein, wir haben uns nicht zum Sex getroffen. Wir wollten uns einfach kennenlernen.

    Und ich habe mich gefreut, dass die Männer im persönlichen Umgang genauso nett und sympathisch waren, wie ich sie zuvor erlebt hatte.

    Natürlich weiß ich, dass ein freundlicher Cam-Performer nicht automatisch mein bester Freund ist. Er bietet eine Dienstleistung an, und ich bin zunächst einmal Zuschauer beziehungsweise zahlender Kunde. Das ist mir vollkommen bewusst. Aber ich finde es genauso falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass zwischen Menschen, die sich ursprünglich über eine solche Plattform kennengelernt haben, grundsätzlich keine echten Kontakte entstehen können. Schließlich kann man jemanden zunächst als Kunden kennenlernen und ihn später trotzdem als Menschen schätzen.

    Männer, Rollenbilder und ein kuschelbedürftiger Wikinger

    Oberkörperfreier, tätowierter Mann mit kurzem Haar und Bart steht vor schwarzem Hintergrund und blickt nachdenklich zur Seite.

    Eine andere Sache, die ich an erotischen Plattformen interessant finde, sind die unterschiedlichen Seiten, die manche Darsteller von sich zeigen. Da gibt es beispielsweise einen jungen Mann, der auf Instagram ausgesprochen kernig und selbstbewusst wirkt. Ein ziemlich attraktiver Typ, bei dem man sich aufgrund seines Auftretens vielleicht schon ein bestimmtes Bild macht. Auf OnlyFans präsentiert er sich dagegen auch in einer ausgesprochen submissiven Rolle, einschließlich entsprechender erotischer Spielarten und eines Keuschheitskäfigs.

    Und ja, ich finde diesen Gegensatz durchaus reizvoll. Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst immer wieder erlebe, wie schnell Menschen von der äußeren Erscheinung auf sexuelle Vorlieben schließen.

    Mit meinen 2,06 Metern scheine ich bei manchen Männern automatisch als aktiver, dominanter Typ durchzugehen. Dabei bin ich bevorzugt passiv. Überraschung! Wobei man natürlich auch hier unterscheiden sollte: Aktiv und passiv beschreiben nicht dasselbe wie dominant und submissiv. Das wird nur leider gern durcheinandergeworfen.

    Ein großer, kräftiger Mann kann sich beim Sex gern hingeben. Ein kleinerer Mann kann ausgesprochen dominant sein. Und jemand, der in einem Film eine bestimmte Rolle spielt, muss diese privat noch lange nicht bevorzugen. Eigentlich ganz einfach. Trotzdem scheinen solche Vorstellungen erstaunlich hartnäckig zu sein.

    Und dann wäre da noch Ander the Viking.

    Ein Ginger mit Bart, Sommersprossen und Brusthaar. Also genau die Sorte Mann, bei der ich bekanntlich etwas genauer hinschaue. Ein kerniger Naturbursche, der in vielen seiner Filme eher die aktive und dominante Rolle übernimmt.

    Nun habe ich einen Film gesehen, in dem er mit einem anderen, ebenfalls ziemlich behaarten Mann zugange war. Einem richtigen Bärchen. Und ausgerechnet in diesem Pornofilm gab es einen Moment, der mich besonders beeindruckt hat. Nicht etwa eine ausgefallene sexuelle Praktik oder irgendeine akrobatische Höchstleistung, sondern eine ganz einfache Geste.

    Der Wikinger wollte umarmt werden. Und zwar richtig. Er suchte ganz ausdrücklich die Nähe seines Partners, wollte sich an ihn schmiegen und festgehalten werden. Die beiden lagen eng umschlungen auf dem Bett, und ich fand diese Szene tatsächlich erotischer als manches stumpfe Rumgeficke.

    Zwei Männer liegen eng umschlungen und küssen sich auf einem Bett. Einer trägt eine schwarze Kappe, beide halten sich fest im Arm.

    Dabei war das selbstverständlich weiterhin ein Pornofilm. Ich weiß nicht, welche Gefühle die beiden Darsteller abseits der Kamera füreinander haben. Und ich muss das auch gar nicht wissen. Mich hat einfach dieser Moment angesprochen. Der scheinbar so dominante Wikinger, der plötzlich selbst Zärtlichkeit einfordert und sich hingibt.

    Und dann passierte etwas, das bei mir durchaus häufiger vorkommt: Meine Gedanken machten einen ziemlich großen Sprung.

    Ich musste an einen Mann denken, den ich gerade gern näher kennenlernen würde. Ebenfalls so ein attraktiver Naturbursche, wenn auch deutlich kleiner als ich. Und plötzlich stellte ich mir vor, wie schön es wäre, mit ihm eng umschlungen im Bett zu liegen, ihn zu küssen und einfach miteinander zu kuscheln. Dabei muss es nicht einmal gleichzeitig zur Penetration kommen. Manchmal kann eine innige Umarmung ausgesprochen erotisch sein.

    Ja, ich weiß. Andere schauen sich einen Pornofilm an und denken anschließend vielleicht über die Darsteller oder die gezeigten Praktiken nach. Ich lande gedanklich plötzlich bei Zärtlichkeit, Geborgenheit und meinen eigenen Sehnsüchten. Aber so funktioniert mein Kopf nun einmal.

    Zwischen Geschäft und Menschlichkeit

    Wenn ich auf Cam4 oder OnlyFans Geld ausgebe, bezahle ich zunächst einmal für erotische Unterhaltung. Das ist die einfache Antwort, und daran gibt es auch nichts zu beschönigen. Aber manchmal ist es eben nicht ganz so einfach.

    Da ist ein Mann, den ich nicht nur körperlich attraktiv, sondern auch sympathisch finde. Da sind kleine Gespräche, ein gemeinsames Lachen, ein persönlicher Moment oder das Gefühl, jemanden über längere Zeit ein bisschen kennengelernt zu haben. Natürlich gehört Aufmerksamkeit auf solchen Plattformen oft zum Geschäftsmodell. Und ich bin mir durchaus bewusst, dass die gefühlte Nähe auf beiden Seiten sehr unterschiedlich sein kann.

    Aber ich finde, dass man deshalb nicht gleich jede menschliche Regung infrage stellen muss. Ein Darsteller kann sich über ein Geschenk freuen, obwohl er damit sein Geld verdient. Ein Zuschauer kann jemanden sympathisch finden, obwohl er für dessen Inhalte bezahlt. Und manchmal kann aus einem solchen Kontakt sogar eine Bekanntschaft entstehen, die mit der ursprünglichen Plattform irgendwann überhaupt nichts mehr zu tun hat.

    Das bedeutet nicht, dass man die kommerzielle Seite vergessen sollte. Es bedeutet nur, dass Menschen auch innerhalb geschäftlicher Beziehungen Menschen bleiben.

    Eigentlich erinnert mich das sogar ein wenig an die Frauen vom Hans-Albers-Platz. Wir hatten keine Geschäftsbeziehung, aber ihre Arbeit war der Grund, weshalb wir uns überhaupt begegneten. Und trotzdem gab es diese kleinen Momente, in denen es einfach um einen Nachbarn, einen frechen Spruch und ein gemeinsames Schmunzeln ging.

    Vielleicht ist der Titel dieses Artikels etwas provokant. Deshalb stehen die Anführungszeichen auch ganz bewusst dort. Eine Sexarbeiterin, die auf St. Pauli persönliche Dienstleistungen anbietet, macht nicht dasselbe wie ein Mann, der von seinem Schlafzimmer aus erotische Videos produziert oder vor einer Webcam auftritt. Die Arbeitsbedingungen, Risiken und Möglichkeiten unterscheiden sich erheblich.

    Trotzdem gibt es Berührungspunkte. Menschen bieten erotische Leistungen an, andere bezahlen dafür. Und irgendwo zwischen Angebot, Nachfrage, Fantasie und persönlichem Kontakt entsteht manchmal mehr, als sich mit einer simplen Rechnung erklären lässt.

    Ich möchte weder klassische Sexarbeit noch digitale Erotik romantisieren. Ich weiß, dass es ein hartes Geschäft sein kann und dass Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Respekt und faire Bedingungen alles andere als selbstverständlich sind. Aber ich möchte ebenso wenig so tun, als wären die Menschen in dieser Branche bloß austauschbare Körper, die ausschließlich gegen Geld funktionieren.

    Dafür habe ich inzwischen zu viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich habe Geld ausgegeben, gelacht, Geschenke verschickt, interessante Männer kennengelernt und mich manchmal sogar über mich selbst gewundert. Und gelegentlich reicht offenbar schon ein kuschelbedürftiger Wikinger in einem Pornofilm, damit ich anfange, über meine eigenen Wünsche nachzudenken.

    Vielleicht ist das am Ende sogar die eigentliche Geschichte dieses Artikels: Egal, ob auf dem Hans-Albers-Platz oder vor einem Computerbildschirm – hinter den Angeboten stehen Menschen. Und auf der anderen Seite übrigens auch. Mit ihren Fantasien, ihren Eigenheiten, ihrem Humor und manchmal eben auch mit dem ziemlich einfachen Wunsch, von jemandem fest in den Arm genommen zu werden.