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    Patrick Stewart (1940–2026) – Mehr als nur Captain Picard

    Sir Patrick Stewart ist tot. Der britische Schauspieler starb am 28. Oktober 2026 im Alter von 86 Jahren. Für Millionen Menschen wird er wohl auf ewig Captain Jean-Luc Picard bleiben, jener kultivierte und gelegentlich etwas steife Kommandant der Enterprise, der lieber erst einmal nachdachte, bevor er seine Phaser sprechen ließ. Andere kennen ihn als Professor Charles Xavier aus den X-Men-Filmen oder als großen Shakespeare-Darsteller. Und ich? Nun, ich denke bei Patrick Stewart tatsächlich auch an einen ziemlich extravaganten schwulen Mann namens Sterling.

    Natürlich gehört Captain Picard auch für mich zu den großen Fernsehfiguren. Als Stewart 1987 mit Star Trek: The Next Generation das Kommando über die Enterprise übernahm, waren die Fußstapfen von William Shatners Captain Kirk schließlich gewaltig. Doch statt den draufgängerischen Weltraumhelden zu kopieren, schuf Stewart einen völlig anderen Captain. Picard war gebildet, diplomatisch, manchmal streng und nicht unbedingt der Typ, mit dem man spontan die nächste Kneipentour unternehmen würde. Dafür besaß er etwas, das in der Science-Fiction ebenso wie im wirklichen Leben gelegentlich Mangelware ist: die Fähigkeit zuzuhören, nachzudenken und Konflikte möglichst ohne Gewalt zu lösen. Und ganz nebenbei konnte dieser Mann mit einem einzigen hochgezogenen Augenbrauenbogen mehr ausdrücken als andere mit einem fünfminütigen Monolog.

    Ein Captain auf Abwegen – und zwar ziemlich fabelhaften

    1995 zeigte Patrick Stewart dann eine Seite, die mit dem würdevollen Sternenflotten-Captain zunächst herzlich wenig gemeinsam hatte. In der schwulen Filmkomödie Jeffrey, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Paul Rudnick, spielte er Sterling, einen extravaganten, lebenslustigen und wunderbar theatralischen schwulen Mann. Und was soll ich sagen? Ich fand ihn damals einfach fabelhaft!

    Patrick Stewart als Sterling im Film Jeffrey, mit pinkfarbener Baskenmütze und passendem Oberteil.

    Jeffrey erzählt die Geschichte eines jungen schwulen Mannes, der angesichts der AIDS-Krise beschließt, künftig lieber auf Sex zu verzichten. Dummerweise verliebt er sich ausgerechnet dann in einen Mann, der sein sorgfältig gefasstes Vorhaben gehörig durcheinanderbringt. Was nach einem schweren Drama klingt, ist tatsächlich eine herrlich schräge Mischung aus romantischer Komödie, ernsten Zwischentönen und einer ordentlichen Portion Camp. Gerade diese Mischung machte den Film für mich so besonders.

    Man muss sich dabei auch die Entstehungszeit vor Augen führen. Mitte der 1990er-Jahre war HIV/AIDS für schwule Männer noch immer eine allgegenwärtige Realität, die nicht nur das Sexualleben, sondern auch Beziehungen, Freundschaften und die gesamte Community prägte. Jeffrey nahm diese Ängste ernst, erlaubte sich aber gleichzeitig, laut, bunt, komisch und lebensbejahend zu sein. Patrick Stewarts Sterling passte wunderbar in diese Welt. Er war keine verschämte Nebenfigur, sondern ein Mann, der mit seiner Persönlichkeit und seiner Lebensfreude den Raum ausfüllte. Und dass ausgerechnet Captain Picard in dieser Rolle auftrat, machte die Sache natürlich noch ein bisschen köstlicher.

    Für mich gehört Jeffrey deshalb ganz selbstverständlich zur Erinnerung an Patrick Stewart. Nicht, weil eine schwule Rolle automatisch einen Schauspieler zu einer queeren Ikone macht, sondern weil er sich auf diesen Film und seine besondere Tonlage mit einer Spielfreude eingelassen hat, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

    Zwei Ritter, eine wunderbare Freundschaft

    Und dann wäre da natürlich noch Sir Ian McKellen. Die Freundschaft zwischen den beiden britischen Schauspielern war über viele Jahre hinweg mindestens so unterhaltsam wie ihre gemeinsamen Auftritte vor der Kamera. In den X-Men-Filmen standen sie sich als Professor Xavier und Magneto gegenüber, doch im wirklichen Leben verband sie eine enge Freundschaft, die sie auch öffentlich mit viel Humor und Zuneigung zelebrierten.

    Ian McKellen mit schwarzem Hut und Patrick Stewart mit Brille küssen sich bei einer öffentlichen Veranstaltung auf den Mund.

    Ian McKellen, der seit 1988 offen schwul lebt und sich seit Jahrzehnten für die Rechte queerer Menschen einsetzt, war dabei weit mehr als nur ein berühmter Kollege. Die beiden standen gemeinsam auf Theaterbühnen, scherzten miteinander und machten aus ihrer gegenseitigen Zuneigung nie ein Geheimnis. Als Patrick Stewart 2013 die Sängerin Sunny Ozell heiratete, übernahm ausgerechnet McKellen die Trauungszeremonie. Ich finde, allein diese kleine Geschichte sagt schon eine ganze Menge über die besondere Verbindung der beiden aus.

    Gerade in einer Welt, in der Männerfreundschaften noch immer viel zu häufig mit demonstrativer Distanz und möglichst wenig Gefühl auskommen sollen, fand ich diese beiden immer wunderbar erfrischend. Zwei gestandene, international gefeierte Schauspieler, die sich herzlich umarmen, miteinander herumalbern und überhaupt keinen Grund sehen, ihre Freundschaft hinter irgendeiner Fassade zu verstecken. Auch das ist für mich ein schönes Stück gelebter Selbstverständlichkeit.

    Mehr als eine Uniform

    Natürlich lässt sich eine Karriere wie die von Patrick Stewart nicht auf Captain Picard, Professor Xavier und einen schwulen Sterling reduzieren. Seine Wurzeln lagen auf der Theaterbühne, insbesondere bei Shakespeare, und seine Filmografie umfasst weit mehr als die großen Hollywoodproduktionen, mit denen ihn heute vermutlich die meisten verbinden. Gerade diese Vielseitigkeit machte ihn zu einem Schauspieler, der zwischen Würde und Albernheit, großer Tragödie und herrlicher Komik wechseln konnte, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.

    Mit seinem Tod verliert die Film- und Fernsehwelt einen außergewöhnlichen Darsteller. Die Enterprise verliert ihren Captain, die Mutanten ihren Professor und die Theaterwelt einen ihrer großen britischen Schauspieler. Und die queere Filmgeschichte? Die behält einen wunderbar extravaganten Sterling, der mir auch mehr als dreißig Jahre nach Jeffrey noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

    Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard in rot-schwarzer Sternenflottenuniform auf der Brücke der Enterprise.

    Farewell, Sir Patrick. Danke für die Reisen zu den Sternen – und für die fabelhaften Momente hier auf der Erde.