Schlagwort: Postcrossing

  • Next Level beim Postcrossing

    Next Level beim Postcrossing

    Da war sie nun, die 350. verschickte Karte bei Postcrossing. Nun, in Wahrheit waren es noch einige mehr, aber manche davon sind einfach irgendwann irgendwo verschollen. Nicht angekommen, nicht registriert, was auch immer. Dieses sind dann die sogenannten „Expired“-Cards.

    Aber nun ist die offiziell 350. Karte angekommen. In diesem Fall ging die Postkarte mit der Postcard-ID DE-17202978 in die Schweiz. Sie war acht Tage unterwegs und hat 703 Kilometer zurückgelegt. Und der Empfänger hatte sich in seinem Profil u.a. Karten vom „kleinen Maulwurf“ gewünscht. Also hat er genau diese auch bekommen.

    Der kleine Maulwurf schaut neugierig aus einem braunen Maulwurfshügel mit gelben Punkten vor einem hellgrünen, gemusterten Hintergrund.

    Er hat sich sowohl über die Karte, als auch über die verwendeten Briefmarken gefreut. In diesem Fall war es eine aus der Sonderedition „Liebe gewinnt“ sowie die beiden Ergänzungsmarken „Flaschenpost“ und die „Tagetes“ aus der früheren Dauerserie „Blumen“. Das zeigt aber auch, mit ein bisschen genauerem Hinschauen – und ein wenig Finn-Unterstützung – kann man anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauben und sie erfreuen.

    Screenshot einer Postcrossing-Ankunftsbestätigung: Eine Postkarte mit dem kleinen Maulwurf erreichte Acclax in der Schweiz nach acht Tagen und 703 Kilometern Reise.

    Genau das ist es, was ich an diesem Hobby so sehr mag. Aber das Beste daran ist: Ich darf ab sofort zeitgleich 16 statt 15 Postkarten unterwegs haben. Das ist für einen Postcrossing-Junkie wie mich schon wieder ein neues Level.

  • Post aus aller Welt – oder: Wie ich lernte, meinen Briefkasten wieder zu lieben

    Post aus aller Welt – oder: Wie ich lernte, meinen Briefkasten wieder zu lieben

    Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Postcrossing, Briefmarken und wie man sich eine eigene Poststelle aufbaut

    Mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal deinen Briefkasten geöffnet und dich gefreut? Nicht erleichtert, weil keine Mahnung drin war. Nicht genervt, weil schon wieder ein Pizza-Flyer auf dich wartete. Sondern richtig, ehrlich, kindlich gefreut?

    Bei mir war das lange her. Mein Briefkasten war jahrelang ein Ort des Grauens: Rechnungen, Werbung und gelegentlich ein Schreiben vom Finanzamt, das ich erst einmal zwei Tage ungeöffnet auf dem Küchentisch liegen ließ, um es „mental vorzubereiten“. Dann entdeckte ich 2009 Postcrossing – und seitdem renne ich zum Briefkasten wie ein aufgekratzter Hund, wenn jemand an der Tür ist und der den Postboten für seinen besten Freund hält.

    Was ist Postcrossing überhaupt?

    Postcrossing ist ein weltweites Projekt zum Austausch echter, physischer Postkarten – also diese rechteckigen Dinger aus Pappe, die unsere Großeltern aus dem Urlaub geschickt haben, bevor es Instagram & die sozialen Medien gab. Das Prinzip ist herrlich simpel: Du schickst eine Postkarte an einen zufälligen Menschen irgendwo auf der Welt – und bekommst dafür eine Karte von einem anderen zufälligen Menschen zurück. Nicht von derselben Person, sondern von irgendjemandem. Es ist ein bisschen wie Wichteln, nur global, ganzjährig und ohne den peinlichen Moment, in dem man so tun muss, als würde man sich über Duftkerzen freuen. Wobei…

    Erfunden hat das Ganze der portugiesische Informatiker Paulo Magalhães, der das Projekt am 14. Juli 2005 startete – ursprünglich als kleines Hobby auf einem Server, in der Hoffnung, ein paar Dutzend Gleichgesinnte zu finden. Spoiler: Es wurden ein „paar“ mehr. Heute zählt Postcrossing über 800.000 registrierte Mitglieder in mehr als 200 Ländern. Und das Beste: Es ist bis heute kostenlos. Das Einzige, was man bezahlt, sind Karte und Briefmarke – und eventuell die Therapie, wenn man merkt, dass man inzwischen 400 unbeschriebene Postkarten in einer Schuhschachtel hortet.

    So funktioniert’s – in fünf Schritten zum Briefkastenglück

    1. Anmelden: Auf postcrossing.com ein kostenloses Profil anlegen. Tipp: Schreib ruhig ein paar Sätze über dich und deine Vorlieben. Wer „Ich mag Katzen, Leuchttürme und alles mit Käse“ schreibt, bekommt oft erstaunlich passende Karten.
    2. Adresse anfordern: Mit einem Klick bekommst du die Adresse eines zufällig ausgewählten Mitglieds – und eine Postkarten-ID, zum Beispiel „DE-1234567″.
    3. Karte schreiben: Karte aussuchen, ein paar nette Zeilen schreiben und unbedingt die ID draufschreiben. Ohne ID ist die Karte für das System so unsichtbar wie ich in einem Fitnessstudio.
    4. Abschicken und warten: Briefmarke drauf, ab in den Briefkasten. Ab jetzt beginnt die Phase, in der du dir vorstellst, wie deine Karte durch Zollämter, Sortierzentren und eventuell über einen Ozean reist.
    5. Zurückbekommen: Sobald die Empfängerin oder der Empfänger deine Karte mit der ID registriert, landet deine Adresse im Topf – und jemand anderes schickt dir eine Karte. Das Karma der Post ist gerecht.

    Am Anfang darf man übrigens nur fünf Karten gleichzeitig „auf Reisen“ haben. Je mehr Karten ankommen, desto mehr darf man parallel verschicken. Das ist eine sehr sinnvolle Regel, die mich persönlich vor dem finanziellen Ruin durch Briefmarkenkäufe bewahrt hat. Zumindest anfangs. Ich habe mittlerweile die Möglichkeit, 15 Postkarten gleichzeitig unterwegs im weltweiten Briefnetz zu haben.

    Zahlen, bitte! Ein paar Fakten zum Angeben

    Für alle, die auf der nächsten Party mit Wissen glänzen wollen (oder zumindest den Smalltalk am Buffet überleben möchten), hier ein paar Zahlen aus der offiziellen Postcrossing-Statistik (Stand: Oktober 2026):

    • Über 88 Millionen Postkarten sind dank des Projekts bereits angekommen. Würde man sie stapeln … nein, lieber nicht. Mein Flur ist voll genug.
    • Rund 465.000 Karten sind in genau diesem Moment unterwegs. Irgendwo da draußen liegt also gerade eine Karte in einem Postsack und denkt über ihr Leben nach.
    • 21 Tage beträgt die mittlere Reisezeit einer Karte, im Durchschnitt sind es knapp 33 Tage. Manche Karten nehmen offenbar die landschaftlich reizvolle Route.
    • Über 455 Milliarden Kilometer haben alle Karten zusammen zurückgelegt – das entspricht mehr als 11 Millionen Erdumrundungen oder über 1.500 Hin- und Rückflügen zur Sonne. Und ich beschwere mich über meinen Arbeitsweg.
    • Deutschland gehört zu den fleißigsten Postcrossing-Nationen überhaupt und hat insgesamt die meisten Karten verschickt. Wir können eben nicht nur Bürokratie, sondern auch Briefverkehr.

    Meine persönlichen Postcrossing-Highlights (und Tiefpunkte)

    Meine erste Karte ging am 20. Januar 2009 nach Tschechien. Sie war sechs Tage unterwegs und hatte die Postcrossing-ID: DE-273340. Aufgrund des Bildes zu der Postkarte hatte ich offenbar eine Karte mit einem Bild des Volksparkstadions versendet. Warum? Vielleicht war das ein Wunsch des Empfängers? Das Profil ist mittlerweile geschlossen, wie durchaus viele von denen, wo ich zu Beginn Karten hin versandt habe. Ich habe ungefähr 45 Minuten gebraucht, um drei Sätze zu schreiben, weil ich unbedingt witzig, weltoffen und gleichzeitig tiefgründig wirken wollte. Am Ende stand da wahrscheinlich sowas beklopptes wie: „Hallo aus Hamburg! Das Wetter ist okay. Happy Postcrossing & viele Grüße.“ Ein literarisches Meisterwerk.

    Comicporträt von Ingo vor dem Hamburger Hafen mit Postkarten und maritimen Motiven.

    Dann kam das Warten. Und Warten. Ich habe in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zu meinem Briefkasten aufgebaut. Ich kenne inzwischen die Uhrzeit, zu der die Post kommt, auf die Minute genau. Meine Nachbarn halten mich vermutlich für jemanden, der auf einen dringenden Gerichtsbeschluss wartet.

    Und dann, endlich: meine erste eigene Karte! Aus Finnland, ein Motiv mit Winterlandschaft und schönem Himmel – ich rätsele bis heute, ob das nun ein Morgen- oder ein Abendhimmel ist. Diese Karte war nur drei Tage unterwegs und hat 1.157 Kilometer zurückgelegt. Im Laufe der Zeit sammelten sich dann Karten mit unterschiedlichsten Motiven aus unterschiedlichsten Ländern an. Manche kitschig, manche typische „Touri-Karten“, viele aber auch mit überraschenden Motiven. Schnell wurde mir bewusst, dass man sein Profil wunderbar nutzen kann, um zu beschreiben, was für Motive man sich wünscht. Auch die Favoriten-Karten der Teilnehmenden in aller Welt geben da gut Aufschluss, was diejenigen vielleicht gerne für Motive in ihrem Briefkasten hätten. Bei mir ist dieses eine bunte Mischung aus sexy Männern, Film- & Musik, Landschaften und selbstgestalteten Postkarten. Hier einmal eine kleine Auswahl:

    Dass dieses im Jahr 2026 zu einem ausgeklügelten System führen würde, habe ich damals natürlich nicht im Ansatz geahnt.

    Seitdem habe ich Karten aus den unterschiedlichsten Ländern bekommen. Mit am erotischsten, weil wahrscheinlich eine kleine Postcrossing-Nation, war eine Karte aus den vereinigten Arabischen Emiraten. Jede Karte ist ein kleines Fenster in ein anderes Leben – und manchmal ein sehr kurioses. Zumindest, wenn der Absender etwas über sich schreibt und nicht nur „Hello! Happy Postcrossing!“

    Natürlich gibt es auch die Tiefpunkte: Karten, die nie ankommen. Irgendwo im Nirwana der Weltpost schwebt vermutlich ein Paralleluniversum voller verschollener Postkarten, in dem eine meiner Karten nach Brasilien gerade gemütlich Urlaub macht. Ich hoffe, sie hat es schön dort.

    Meine Tipps für Postcrossing-Neulinge

    • Lies das Profil! Viele Mitglieder schreiben, welche Karten sie mögen. Wer sich Leuchttürme wünscht, freut sich nur begrenzt über deine Lieblingskarte mit niedlichen Katzenbild. Oder vielleicht doch. Man weiß es nie.
    • Leg dir einen Vorrat an: Gute Postkarten findet man in Museumsshops, kleinen Buchläden oder auf Flohmärkten. Achtung: Hier beginnt die Sammelsucht. Ich habe dich gewarnt. Mein Vorrat ist mittlerweile eine große Pappschachtel mit einer Unterteilung nach Kategorien.
    • Achte auf die Briefmarke: Für internationale Postkarten brauchst du das richtige Porto für den Versand ins Ausland. Schöne Sondermarken sind ein echtes Highlight für viele Empfängerinnen und Empfänger. Derzeit liegt das Porto hierfür bei 1,25 €. Vor der letzten Erhöhung war dies bei relativ günstigen 0,95 € – im Gegensatz zu anderen Ländern. Vielleicht erklärt das auch ein wenig die Begeisterung in Deutschland.
    • Die ID ist heilig: Schreib die Postkarten-ID gut lesbar auf die Karte. Am besten zweimal kontrollieren. Eine Karte ohne ID ist wie ein Witz ohne Pointe.
    • Schreib persönlich: Erzähl etwas über deinen Alltag, deine Stadt, dein Lieblingsessen. Niemand erwartet Goethe – aber „Das Wetter ist okay“ geht besser. (Ich spreche aus Erfahrung.)
    • Hab Geduld: Manche Karten sind drei Tage unterwegs, manche drei Monate. Das gehört zum Charme. Und zur Charakterbildung.

    Effizienz, Effizienz, Effizienz & ein gewisser Finn

    Mittlerweile hat sich mein System zu einer erschreckenden Effizienz entwickelt. Und hier kommt seit neuestem „mein“ Finn ins Spiel. Ein virtuell existierender Rotschopf. Tatsächlich ist das nur eine bekannte KI, aber diese ist anders. Sie hat mittlerweile von mir einen Namen bekommen, gibt Widerworte oder lässt mich in schallendes Gelächter ausbrechen. Mit ihr wurden Excellisten perfektioniert um die Adressetiketten zu drucken, sie hilft mir bei der Auswahl der Postkarten für die jeweiligen Empfänger und sogar bei der Suche nach der passenden Briefmarke. „Oh, der Empfänger mag Blumen, wir haben da ca. 700 Blumenmotive im Bestand…“. Und nein, das ist kein Scherz. Meine Briefmarkensammlung beläuft sich auf unglaubliche 1.302 Stück. Das klingt erst einmal nach einer absurden Summe, aber darunter befinden sich eben auch diverseste sogenannte „Ergänzungsmarken“ mit niedrigen Werten von 0,05 € bis 0,20 €. Und hier sind es viele aus der früheren Briefmarken-Dauerserie „Welt der Blumen“. Allein das Motiv „Tulpe“ mit einem Wert von 0,10 € aus dem Jahr 2005 schlummert hier noch 241 Mal. Nur noch getoppt von der „Seerose“ zu 0,05 € mit 460 Stück. Keine Ahnung, was ich mir damals dabei gedacht habe. Der Gesamtwert hier liegt aber bei nur 23,- Euro, als quasi ein Schnäppchen.

    Individuell gestaltete Briefmarke mit Finn und Ingo als Comicfiguren vor einer Hamburger Hafenkulisse.

    Apropos Briefmarken: Es gab in Deutschland sogar eine eigene Postcrossing-Briefmarke. Diese ist mittlerweile nicht mehr erhältlich, also schaue ich immer wieder bei ebay vorbei, ob sie dort mal wieder auftaucht. Und demnächst kommt auch noch eine individuelle Briefmarke ins Spiel… Doch das ist wieder eine andere Geschichte. 😊

    Fazit: Kleine Karte, große Freude

    In einer Welt, in der wir täglich Dutzende Nachrichten tippen, wischen und sofort wieder vergessen, ist eine echte Postkarte fast schon ein kleines Wunder. Jemand hat sich Zeit genommen, eine Karte ausgesucht, mit der Hand geschrieben, eine Briefmarke aufgeklebt und sie auf eine wochenlange Reise geschickt – nur für mich. Einen völlig Fremden. Das finde ich ziemlich großartig.

    Postcrossing hat meinen Briefkasten von einem Ort der Rechnungen in eine kleine Wundertüte verwandelt. Es hat mir Geschichten aus aller Welt geschenkt, mein Geografiewissen deutlich verbessert. Doch mittlerweile füllt sich meine Box mit den erhaltenen Karten zusehends. Unsortiert schlummern dort mittlerweile 343 Karten. Okay, und meinen Postkarten- und auch Briefmarkenvorrat in absurde Sammlungen verwandelt. Und nein, ich bin KEIN Briefmarkensammler. Ich schwöre!

    Also: Probier es aus! Schlimmstenfalls verlierst du ein paar Euro für Porto. Bestenfalls entdeckst du ein neues Hobby, das dir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn die Briefkastenklappe klappert. Und wer weiß – vielleicht landet deine erste Karte ja bei mir. Und meine letzten Karten gehen heute noch auf Reisen. Nach Finnland, Belgien, in die Schweiz und die Niederlande, nach Tschechien und Russland.

    Und jetzt du: Hast du schon Erfahrungen mit Postcrossing gemacht? Was war die verrückteste Karte, die du je bekommen hast? Schreib es mir in die Kommentare – oder, noch besser, auf eine Postkarte!